Eine oberflächliche Diagnose einer tiefgreifenden kirchlichen Krise

Eine oberflächliche Diagnose einer tiefgreifenden kirchlichen Krise

0
110
Bischof Felix Gmür feiert am 25. Juni in Notre-Dame de Paris

Kritik an einem Interview mit Daniel Ammann.

Der kürzlich veröffentlichte Artikel von Wolfgang Holz im Rahmen von kath.ch widmet sich der Frage nach dem Erfolg traditioneller Bruderschaften gegenüber der offiziellen Kirche. Mit Daniel Ammann als Gesprächspartner versucht die Redaktion, soziologische und psychologische Ursachen für die Abwanderung junger Männer zu finden. Doch dieser Ansatz offenbart gravierende Mängel in der Analyse. Die folgenden vier Punkte verdeutlichen, warum diese Debatte an der Realität vorbeigehen muss.

1. Die fehlende Autorität: Laie statt Priester
Zentrales Defizit dieses Beitrags ist die Auswahl des Experten. Daniel Ammann ist ein katholischer Theologe, aber kein Priester. Er ist Laie. Es ist eine grundlegende Fehleinschätzung anzunehmen, dass ein Laie, geschult in Theorie, „null Ahnung“ davon haben kann, wie innerlich ein Mensch zur Entscheidung kommt, sein Leben Gott und der Kirche vollständig zu widmen. Die Berufung zum Weihepriester ist ein Geheimnis des Herzens vor Gott. Dass nun ein Mann ausserhalb des priesterlichen Standes spekuliert, was „Gehirnwäsche“, was Tabus oder was Männlichkeit sei, entbehrt jeder Fundamentalität. Wer das eigene Opfer nicht gebracht hat, versteht das Opfer der anderen nicht vollständig. Solche Analysen sind immer von aussen betrachtet und oft blosse Projektionen.

2. Das falsche Bild der Isolation: Ein globales Netz im digitalen Zeitalter
Der Interviewpartner spricht von abgeschotteten Welten und mangelnden Vorbildern. Dies entspricht weder der Wirklichkeit noch der heutigen Zeit. Priester sind weltweit unterwegs. Gerade in Zeiten der Digitalisierung sind Priestervorbilder weltweit zu sehen und zu finden – über Livestreams von Messen, über Sozialmedien und digitale Netzwerke konservativer Gemeinschaften. Die Idee eines „eigenen Käfigs“ ist angesichts der offenen Vernetzung von Gläubigen in der Schweiz, Europa und Übersee irreführend. Wer heute junge Männer anspricht, nutzt dieselben Kanäle wie die offizielle Kirche. Es liegt also nicht am fehlenden Angebot an Vorbildern, sondern am Inhalt und der authentischen Darstellung derselben.

3. Schweigen über die Realität: Keine Gebetshilfe, nur Propaganda
Es wird gar nicht thematisiert, dass in der Schweiz strukturell kaum Gebetsaktionen für Priesterberufe stattfinden. Stattdessen dominiert in den Kirchenmedien und der breiten Gesellschaft ständig die Denunzierung und schlechte Propaganda gegen den Klerus. Während konservative Kreise aktiv um Nachfolge werben und Gebete organisieren, wird im Hauptstrom der Kirche eher abgebrochen als angebetet. Wenn man jungen Männern einen Beruf anbietet, der medial fast ausschliesslich als Teil des Missbrauchsproblems oder der patriarchalen Machtmissbrauchsfiguren gerät, ist es logisch, dass viele zurückschrecken. Dass dies als primäre Ursache ignoriert wird, während man über „Maskulinitätsbilder“ sinniert, verkennt die eigentliche Blockade.

4. Theologische Unschärfe: Verwechslung der Priestertümer
Letztlich zeigt der Artikel eine gefährliche Vermischung des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen mit dem geweihten Dienerpriestertum. Durch die moderne Theologie verschwimmen zunehmend die Prinzipien der Berufung. In diesem Interview wird suggeriert, der Verlust von Autorität liege daran, dass Priester „relativiert“ würden. Dabei übersieht der Interviewpartner, dass das Weihepriestertum ontologisch anders ist als das allgemeine Priestertum. Wer diese Unterscheidung prinzipiell nicht treffen oder anerkennen kann, wird auch nie verstehen, warum bestimmte Rufe nur an Männer gerichtet sind. Die Ablehnung der männlichen Alleinstellung als Berufungsvoraussetzung seitens der offiziellen Kirche wirkt hier als Zerstörer von Identität. Wenn die Theologie die Besonderheit des Weiheauftrags verwässert, darf sie sich nicht wundern, wenn die Berufungsbegeisterung weicht.

Fazit
Das Interview wirkt weniger als Hilfe zur Beantwortung drängender Fragen, sondern mehr als sozialwissenschaftliches Übungsmodell auf Kosten kirchlicher Substanz. Die wahre Schwachstelle liegt nicht in der Definition von „echter Männlichkeit“ oder angeblichen Geschlechterthemen, sondern in einem systematischen Versagen, den Klerus positiv zu fördern, ihm geistliche Autorität zuzuerkennen und ihn vor Medienangriffen zu schützen. Solange man Laien die Verantwortung für die Erklärung der Priesterausbildung übergibt und gleichzeitig den öffentlichen Raum durch Denunzierung vergiftet, bleiben solche Analysen lediglich Selbstbefriedigung.