Nach Ansicht des Vorsitzenden der französischen Bischofskonferenz wird der christliche Glaube heute auch in Europa massiv in Frage gestellt. „Für die meisten Menschen in unseren Ländern bietet es keine Grundlage mehr zum Leben, zum Handeln, zum Abwägen von Entscheidungen, zum Vorstellen der Welt“, sagte der Erzbischof von Reims, Eric de Moulins-Beaufort, in einer Predigt, die am 28.Januar im Dom zu Frankfurt am Main während der traditionellen Feierlichkeiten zu Ehren Kaiser Karls des Grossen abhelaten wurde.
„Für viele Menschen in Europa ist der christliche Glaube nur ein Teil ihres kulturellen Erbes, und nur wenige suchen im Glauben eine ‚lebendige Quelle'“, sagte Erzbischof de Moulins-Beaufort. Nach Ansicht des französischen Hierarchen können Jesu Worte die Menschen noch immer bewegen, aber oft „nur als flüchtiges Gefühl“.
„Auf dem gesamten europäischen Kontinent ist die Kirche nicht mehr die Mutter, die Menschen befähigt, im Heiligen Geist zu leben“, erklärte der Präsident des französischen Episkopats und fügte hinzu: „Sie gibt den Staaten nicht mehr die Mittel, um Sinn, Trost und Engagement zu geben um ihre eigenen Mängel auszugleichen“.
Seiner Meinung nach sehen viele Menschen die Kirche „als Relikt der Vergangenheit“ und eher als Last. Die katholische Kirche erscheine oft „als Störfaktor, dessen gesellschaftlicher Nutzen durch begangene und bisher vertuscht Verbrechen weitgehend gemindert wird“.
„Können wir nicht anerkennen, dass wir uns in einer Reinigungsphase befinden, damit das Evangelium als Feuer wiedererscheint, das unsere Vorstellungen von der Welt erneuern wird?“ – fragte der Prediger zu den in der Kathedrale Versammelten. Er betonte, dass die Kirche auf diese Weise wieder zu einem Ort werden könne, „wo man ein ungeahntes Mass an Freiheit erfahren kann“ und tiefe Freude. Nach Ansicht des französischen Erzbischofs kann die katholische Kirche im heutigen Europa keine verbindende Kraft mehr sein. Vielmehr ähnele sie „einem kleinen, gedemütigten und demütigen Überrest, der jedoch der Träger der Verheissung für die ganze Menschheit ist“.
Feierliche Liturgien für Kaiser Karl den Grossen (ca. 748-814) werden in St. Bartholomäus in Frankfurt am Main ab 1332 gefeiert. Die katholische Kirche in dieser Stadt gedenkt stets am letzten Sonntag im Januar des Kaisers, der am 28. Januar 814 starb und im Aachener Dom bestattet wurde. Karl der Grosse, der das erste europäische Reich seit dem Untergang des Weströmischen Reiches schuf, wird als Gründer Europas verehrt; ist Patronin der Stadt Frankfurt und ihres Kaiserdoms.



