„Verändert sich denn nie etwas? Die Bischöfe wählen einen zu ihrem Präsidenten, der gerade vom Vatikan kritisiert worden ist. Mangels Alternativen präsidiert Charles Morerod, Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg, künftig die Bischofskonferenz“ – schreibt NZZ in der Online-Ausgabe.
Die Bischöfe der Schweiz wollen die katholische Kirche ohne fundamentale Veränderungen fundamental verändern. Das ist die Botschaft, die sie seit einiger Zeit vermitteln. Als im vergangenen Jahr ein weiterer Missbrauchsskandal die Kirche erreichte, sagte Joseph Maria Bonnemain, der Bischof von Chur: «Auch ich will eine ‹Revolution›, aber die werden wir nicht mit einer Revolution, mit Ungehorsam, mit Aufständen und Konfrontation zustande bringen.»
Und so wählen die Bischöfe am Mittwoch, 4.Dezember 2024 einen Mann zu ihrem Präsidenten, der noch im Oktober vom Vatikan kritisiert worden ist: Charles Morerod, 63, den Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg. Er sei in der Vergangenheit «naiv» gewesen, weil er die «Eignung bestimmter Kandidaten für kirchliche Ämter» nicht überprüft habe. Zudem habe er Missbrauchsvorwürfe nicht so untersucht, wie es vorgesehen gewesen wäre. So steht es offenbar in einem Brief, der «Ihrer Exzellenz» aber «keine wesentlichen Versäumnisse», keine Vertuschung oder Böswilligkeit unterstellen will.
Morerod zeigte sich im vergangenen Jahr über eine Studie der Universität Zürich schockiert, die mehr als tausend Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche der Schweiz offengelegt hatte, und er sagte, wenn er feststellen sollte, dass er grosse Fehler begangen habe, sei es besser, zu gehen. Ein Jahr später führt er die katholische Kirche als Präsident der Bischofskonferenz in die nächsten Jahre.
Die Mitteilung zu seiner Wahl ist drei Zeilen kurz, eine Gratulation oder eine Begründung gibt es nicht. Innerhalb der Kirche sprechen gut informierte Leute von einer Notlösung. Angeblich habe man Rom um eine Ausnahmegenehmigung für Felix Gmür, den Bischof von Basel, ersucht: Ob er nicht, auch wenn es die Statuten verbieten, noch für eine dritte Amtszeit ihr Präsident sein könne?
Jetzt verkörpert Charles Morerod die Konferenz der Bischöfe, die geweiht sind, um ihrem Kirchenvolk die Linie vorzugeben. Und die gleichzeitig eine Linie für sich selbst suchen. Nie war das offensichtlicher als im September des vergangenen Jahres, als die Missbrauchsstudie das Land erschütterte. Gleich drei Bischöfe baten damals in Zürich zum Gespräch. Sie waren stolz, dass sie den Forscherinnen die Archive geöffnet hatten, sie präsentierten Massnahmen, sie wollten Human-Ressources-Institutionen schaffen und – anders als vom Papst vorgesehen – auch jahrzehntealte Akten nicht mehr vernichten («Das ist eigentlich eine Ungehorsamkeitserklärung an Rom und Verstoss gegen das Kirchenrecht»).



