Am Aschermittwoch beginnt die 40-tägige Fastenzeit in der, oftmals an den Freitagen oder den Sonntagen, besteht in vielen Pfarreien und Gemeinden nach wie vor der traditionelle Brauch, den Kreuzweg zu beten. Er gehört zu den Elementen, die einiges zu der Prägung dieser Zeit im Kirchenjahr beitragen, wobei er grundsätzlich auch während des ganzen Jahres gebetet werden kann. Er eignet sich als Gemeinschaftsgebet ebenso wie als Gebet des Einzelnen. Wird er vermehrt in der Zeit vor Ostern gebetet, ist es gut, wenn die Betrachtung immer wieder neue Anregung empfängt.
Die Kreuzwegstationen erinnern an den Weg Jesu, den wir in jeder Messfeier nachvollziehen. Das ist ein nicht ganz einfaches, wohl aber zentrales Merkmal christlicher Spiritualität. Denn der Tod Jesu war brutal und grausam. Dieser Teil unserer Glaubensgeschichte ist nicht «einfach so» nachzuvollziehen und macht manchen Menschen sogar grosse Mühe. Ohne Kreuz-Jesu ist aber kein Christentum zu denken. Tod und Leid als Glaubensverkündigung? Warum versteht christlicher Glaube das alles als Heilsweg? Gewalt und Tod haben in dieser Glaubensgeschichte eben nicht das letzte Wort. Das Kreuz wurde überwunden in der Auferstehung Jesu. Darum lautet auch die Botschaft in der Karfreitagsliturgie: «Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben». So bekennen es die Christen. Das Leiden Jesu führt durch die Auferstehung in ein neues Leben, an dem wir teilhaben werden. In diesem Glauben können wir uns in allen Höhen und Tiefen, in Freud und Leid Jesus Christus anvertrauen, der uns das Leben in Fülle erschliesst. Sich diesem Glaubensgeheimnis anzunähern – dazu möchte diese Kreuzwegandacht beitragen.
1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt (Mt 27,11-26)
Nach seiner Verhaftung wird Jesus Christus zum römischen Statthalter Pontius Pilatus gebracht. Die Hohenpriester und Ältesten klagen ihn dafür an, dass er sich selbst «König der Juden» nennt. Der Statthalter soll ihn dafür verurteilen. Dessen Frau hat in der Nacht aber einen Traum, den sie Pilatus erzählt. Darum glaubt er auch nicht an Jesu Schuld. Vor dem Pessachfest darf der Statthalter einen Gefangenen begnadigen und er fragt die Menge, die sich vor ihm versammelt hat, wen er freilassen soll, Jesus oder Barabbas. Die von den Hohenpriestern und Ältesten aufgestachelten Menschen verlangen die Freilassung von Barabbas und die Kreuzigung Jesu. Pilatus spricht also widerwillig das Todesurteil über Jesus und lässt sich eine Schüssel Wasser bringen, um vor allen Menschen seine Hände reinzuwaschen und seine Unschuld zu bezeugen. Vgl. auch Mk 15,2-15; Lk 23,2-5.13-25; Joh 18,28-19,16a
2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern (Mt 27,27-31)
Jesus Christus wird den Soldaten übergeben. Sie ziehen ihm die Kleider aus, verspotten ihn als König: Sie legen ihm einen purpurfarbenen Mantel um und setzen ihm eine Dornenkrone auf. Sie verhöhnen, bespucken und schlagen Jesus und «huldigen» ihm. Danach ziehen sie ihm seine eigenen Kleider wieder an. Dann wird er fortgeführt und muss das Kreuz bzw. den Kreuzbalken selbst zum Hügel Golgota (auch: Golgotha oder Golgatha) tragen. Vgl. auch Mk 15,20b; Joh 19,17
3. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz (wird nicht in der Bibel erwähnt)
Die Soldaten treiben Jesus mit Gewalt durch die Strassen Jerusalems. Rücksicht kennen sie nicht. Mit Schlägen treiben sie ihn voran wie Vieh. Unter der Last des schweren Holzkreuzes und der Schläge bricht er schliesslich zusammen. Doch die Soldaten schlagen auf ihn ein und zwingen ihn zum Weitergehen. Schaulustige stehen da, schauen zu und lassen sich vom grausamen Spektakel unterhalten.
4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter (wird nicht in der Bibel erwähnt)
Viele Menschen stehen als Zuschauer am Strassenrand. Sie schauen zu, wie Jesus unter grossen Schmerzen das Kreuz nach Golgota tragen muss. Auch Maria, seine Mutter, ist unter ihnen. Sie leidet mit ihrem Sohn, wie es wohl jede Mutter tun würde. Aber sie ist hilflos, kann nichts machen, kann ihren Sohn nicht retten, nur mit ihm leiden und ihn mit ihrer Liebe begleiten. Sie will mit durch ihre Nähe und Liebe ihrem Sohn Jesus die Kraft und den Mut geben, den schweren Weg zu gehen und zu ertragen.
5. Station: Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz zu tragen (Mt 27,32)
Jesu Kräfte schwinden mehr und mehr. Er kann das Kreuz fast nicht mehr tragen. Als er schon beinahe zusammenbricht, befehlen die Soldaten dem Simon von Zyrene, der gerade zufällig vorbeikommt, Jesus beim Kreuztragen zu helfen. Er tut es nicht freiwillig, sondern unter Drohung. Wer sich widersetzt, wird bestraft. Also hilft er, so gut er kann. Er trägt also das Kreuz Jesu und sorgt so für ein wenig Linderung für Jesus. Vgl. auch Mk 15,21; Lk 23,26
6. Station: Veronika reicht Jesus das Schweisstuch (wird nicht in der Bibel erwähnt)
In der Menge der Zuschauer steht auch Veronika, eine junge Frau und Jüngerin Jesu. Sie sieht, wie sehr er leidet und überlegt, wie sie ihm helfen kann. Damit Jesus sich Blut, Schweiss und Dreck aus dem Gesicht wischen kann, reicht Veronika ihm ein Tuch. Jesus nimmt es dankbar und drückt sein Gesicht in den Stoff. Danach, so sagt die Legende, soll sein Gesicht im Tuch erkennbar gewesen sein. Das Gesicht des Leidenden aus Liebe hinterlässt erkennbare Spuren und offenbart das mitleidende Angesicht Gottes. Er wendet sich im Leid nicht ab. Das «wahre Bild» Gottes (lat. «vera» = wahr, gr. «ikon» = Bild = «Veronika») wird so quasi zum kleinen Mysterienspiel, das die Volksfrömmigkeit in den Kreuzweg hineinerzählt.
7. Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz (wird nicht in der Bibel erwähnt)
Der qualvolle Weg nach Golgota ist schier endlos, die Qual immer grösser. Viele Schaulustige gaffen und beobachten das Leidensspektakel. Jesus sieht jetzt so gar nicht mehr wie ein König aus. Keiner hilft ihm. Keiner traut sich einzugreifen oder auch nur etwas zu sagen. Seine Kräfte schwinden. Die Schmerzen nehmen zu. Dazu die Geissel der Soldaten, die Schreie, Stösse und Erniedrigungen. Das Kreuz wird ihm immer schwerer und er stürzt zum zweiten Mal. Und wieder prügeln sie ihn hoch. Weiter! Auch, wenn er freiwillig diesen Weg geht, ist es ein schwerer, qualvoller Leidensweg.
8. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen (Lk 23,27-31)
Jesus Christus sieht in der Menge eine Gruppe Frauen. Sie weinen über seinen bevorstehenden Tod und das Leid, das er ertragen muss. Warum das alles? Er war doch immer gut zu den Menschen, hat nichts Böses getan, hat als Mann auch die Frauen geachtet und immer respektvoll behandelt. Da bleibt er stehen und spricht sie an: »Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht um mich; weint über euch und eure Kinder! Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. Dann wird man zu den Bergen sagen: ‘Fallt auf uns!’, und zu den Hügeln: ‘Deckt uns zu!’ Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden?«. (Lk, 28-31)
9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz (wird nicht in der Bibel erwähnt)
Jesus ist am Ende. Keine Kraft mehr! Er kann nicht weiter und bricht zusammen. Ohnmacht! Die Soldaten prügeln wie vorher auf ihn ein, damit er sich wieder hochquält. Wie viel einfacher wäre es jetzt, einfach liegen zu bleiben und auf den Tod zu warten. Aber Jesus will seinen Weg weitergehen, will das Werk vollenden, das für ihn bestimmt ist. So quält er sich noch einmal hoch und schleppt sich und die Kreuzeslast weiter. Woher nimmt er jetzt noch die Kraft? Aus der Hoffnung auf die verheissene Auferstehung? Aus der Verbundenheit zum Vater? Aus der Liebe zu den Menschen?
10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt (Mt 27,35)
Als Jesus endlich auf dem Berg Golgota ankommt, nehmen ihm die Soldaten auch seine Kleider weg. Sie entblössen ihn – nach seiner Würde, jetzt auch seine Kleider. Sie bieten ihm mit Galle vermischten Wein an, um die Schmerzen etwas zu lindern. Denn die Schmerzen, die jetzt kommen, sind noch schlimmer als die Schläge und die Last des Kreuzes. Aber Jesus lehnt ab. Die Soldaten legen ihn aufs Kreuz, nageln ihn an Händen und Füssen fest und teilen dann seine Kleider unter sich auf. Die Kleider der Verurteilen – das Letzte, das man ihnen nehmen konnte – waren damals der übliche Lohn für die Söldner bei Hinrichtungen. Vgl. auch Mk 15,24b; Lk 23,34; Joh 19,23-24
11. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt (Lk 23,33-43)
Mit Jesus werden auch zwei Verbrecher gekreuzigt, ihre Kreuze stehen zu beiden Seiten Jesu. Die Soldaten und die Menschenmenge verhöhnen und beschimpfen Jesus wieder. Als ob die Schmerzen nicht schon genug Qual wären. Aber er betet für sie, will sich trotz des Leids nicht vom Hass leiten lassen, bittet Gott sogar um Vergebung: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« (Lk 23,34). Vgl. Mt 27,35-44; Mk 15,24-32; Joh 19,18-27
12. Station: Jesus stirbt am Kreuz (Mt 27,45-51,54)
Als Jesus am aufgerichteten Kreuz hängt, verdunkelt sich plötzlich der Himmel von der sechsten bis zur neunten Stunde. Dann ruft er laut: »Eli, Eli, lema sabachtani?« »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«. (Mt 27,46) Einige der Umstehenden meinen, Jesus ruft nach Elija und sie wollen sehen, ob er kommt und Jesus hilft, vom Kreuz zu steigen. Einer der Soldaten reicht Jesus einen mit Essigwasser getränkten Schwamm. Mit einem lauten Schrei stirbt Jesus Christus und haucht seinen Geist aus. Da reisst der Vorhang im Tempel in der Mitte entzwei und die Erde bebt. Der Hauptmann und die Soldaten, die Jesus bewachen, erschrecken und sagen: »Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!« (Mt 27,54). Die letzten Worte Jesu am Kreuz unterscheiden sich in den einzelnen Evangelien: Während Jesus im Markusevangelium auch »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Eloï, Eloï, lema sabachtani? Mk 15,34) ruft, heisst es im Evangelium nach Lukas: »Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist« (Lk 23,46). Diese Worte werden auch im christkatholischen Gesangbuch (CG) in einem Kehrvers für Karfreitag aufgegriffen (CG Band II, 504): Im Johannesevangelium lauten die letzten Worte Jesu: »Es ist vollbracht!« (Joh 19,30). Vgl. Mk 15,33-41; Lk 23,44-49; Joh 19,28-30
13. Station: Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoss seiner Mutter gelegt (Joh 19,38)
Am Abend geht Josef von Arimathäa, einer der Jünger Jesu, zu Pilatus und bittet ihn um Jesu Leichnam, damit er ihn nach jüdischem Gesetz noch vor dem Sabbat begraben kann. Bei der Kreuzabnahme ist auch Jesu Mutter Maria dabei. Josef von Arimathäa nimmt Jesus und legt ihr ihren toten Sohn in den Schoss. Maria weint und trauert um ihn. Schmerz erfüllt sie. Doch sie glaubt fest daran, dass alles nach Gottes Wille und zum Heil der Menschen geschieht. Josef macht sich daran, das Begräbnis vorzubereiten, um Jesus in Würde zu bestatten. Vgl. Mt 27, 57-61; Mk 15, 42-47; Lk 23, 50-56
14. Station: Der Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt (Mt 27,57-66)
Josef von Arimathäa hüllt den Leichnam in ein sauberes Leinentuch, legt ihn in ein neues Felsengrab und schiebt einen grossen Stein davor. Maria Magdalena und Maria, die Mutter Jesu, beobachten, wohin Josef den Leichnam bringt. So berichten es die Evangelien. Am Tag danach kommen die Hohenpriester und Pharisäer zu Pilatus. Sie haben Angst vor Gerüchten und fordern Wachen vor Jesu Grab. Die Erinnerung an die Prophezeiung, dass Jesus nach drei Tagen auferstehen wird, macht sie unruhig. Vgl. Mk 15,42-47; Lk 23,50-56; Joh 19,38-42



