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Katholische Priester als Versuchsobjekte – damals für Faschismus und für Liberalismus heute

Das KZ Dachau sei eines der schrecklichsten historischen Symbole der deutschen Barbarei im Zweiten Weltkrieg. Polens Kirche gedenkt in Dachau der Opfer des KZ Dachau, die Welt aber schweigt. Vor 80 Jahren befreite die US-Armee das Konzentrationslager Dachau: Dort befand sich seit 1933 die «Mörderschule der SS». Und bald auch das grösste Priestergefängnis der Geschichte. Das KZ war die Hölle. Aber eine, in der sich auch Wunder ereigneten. Heimlich. Die polnische Bischofskonferenz hat den 80. Jahrestag (26. APRIL) der Befreiung des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Dachau zum «Tag des Gedenkens und des Gebets für Frieden und Versöhnung» erklärt. In Dachau sind 1800 inhaftierte und gefolterte polnischen Priester grausam ermordet worden. In dem ehemaligen deutschen Konzentrationslager Dachau bildeten die Priester der katholischen Kirche von Polen die grösste Gruppe der KZ-Opfer.

Nur zwei Monate, nachdem der Hitler in Deutschland 1933 an die Macht gekommen war, nahm er in Dachau eines ihrer ersten Konzentrationslager in Betrieb – und zugleich jenes, das von allen am längsten bestehen sollte. Dort lernte die SS, wie man Terror und Vernichtung am effektivsten organisiert. Als das Lager am 29. April 1945 von US-Soldaten befreit wurde, wogen etliche Häftlinge kaum mehr als 40 Kilogramm.

Anfangs für politische Gefangene geschaffen, wurden später vor allem katholische Priester von Polen dort inhaftiert. Ab 1940 pferchte die SS im Dachauer «Priesterblock» Geistliche aus ganz Europa zusammen, um die 2.800 Mann aus 20 Ländern, unter ihnen auch Hermann Scheipers.

«Das Böse war in Dachau, das irrational Böse», sagte der Münsteraner Priester einmal. Und doch habe er in dieser Hölle die rettende Nähe Gottes sehr häufig gespürt. Scheipers war der letzte Überlebende des Priesterblocks, er starb 2016.

Heimliche Priesterweihe
Dachau ist wie Auschwitz ein Synonym dafür, zu welcher Bestialität Menschen fähig sind. Aber das KZ war auch ein Ort kleinerer und grösserer Wunder. Einige wirken bis heute nach.

Am dritten Adventssonntag 1944 ist das KZ Schauplatz einer der ungewöhnlichsten Priesterweihen der Geschichte. Der 29-jährige Kandidat Karl Leisner ist schwer lungenkrank und bereits vom Tod gezeichnet. Alles geschieht im Verborgenen. Eine junge Ordensfrau schmuggelt das Benötigte ins Lager: Dokumente, liturgische Bücher und heilige Öle. Um die Wächter von der Zeremonie abzulenken, spielt vor der Kapelle ein Häftling Geige. Auf dem handgeschnitzten Krummstab von Bischof Gabriel Piguet ist eine Inschrift angebracht: «Victor in vinculis – Sieger in Fesseln».

Polnische Priester als Versuchsobjekte
An dem historischen Ereignis nimmt auch der polnische KZ-Häftling Kazimierz Majdanski teil. Polnische Priester wie er dürfen eigentlich nicht zu den Gottesdiensten. SS-Ärzten dienen sie dafür bevorzugt als Versuchsobjekte. Sie werden mit Malaria infiziert oder in Unterdruckkammern künstlich den Bedingungen unterworfen, denen Kampfpiloten bei Abstürzen aus grossen Höhen ausgesetzt sind. Majdanski erhält Eiter in den Oberschenkel gespritzt. Er überlebt die Infektion nur, weil ihm ein deutscher Pfleger heimlich ein Gegenmittel verabreicht.

1975 kommt es vor dem Münchner Schwurgericht zum Prozess gegen den einstigen Peiniger des Priesters, den ehemaligen Sturmbannführer Heinrich Schütz. Er konnte nach dem Krieg jahrzehntelang unbehelligt als Internist praktizieren. Majdanski, inzwischen Bischof, reist als Hauptzeuge der Anklage an und gibt in einer persönlichen Erklärung zu verstehen, dass ihm jedes Rachemotiv fremd sei. Schon vor Jahren habe er allen Beteiligten verziehen. Dann geht er auf den Angeklagten zu und reicht ihm die Hand mit den Worten: «Mein Herr, wir können uns doch in die Augen sehen.»

Ordensmann wird zum «Engel von Dachau»
Der KZ-Häftling Nummer 26.147 erhält von seinen Mitgefangenen den Spitznamen «Engel von Dachau», und das nicht nur wegen seines Vornamens. Engelmar Unzeitig, ein mährischer Ordensmann, nimmt sich selbstlos derer an, die in der Lagerhierarchie ganz unten stehen: russischer Kriegsgefangener. Während Hitler mit seinen Truppen einen erbarmungslosen Feldzug gegen die Sowjetunion führt, teilt Unzeitig mit gefangenen Rotarmisten seine karge Essensration und rettet so einige vor dem Hungertod. Er lernt ihre Sprache und bringt ihnen heimlich das Evangelium nahe.

Typhusepidemie
Als in der russischen KZ-Baracke wenige Monate vor Kriegsende eine Typhusepidemie ausbricht, meldet sich Unzeitig mit 19 anderen Priestern freiwillig zur Krankenpflege. Wenige Wochen später erliegt er selbst der Seuche. Wegen dieser heroischen Tat wird der 2016 seliggesprochene Pater auch «ein deutscher Maximilian Kolbe» genannt. Kolbe war ein polnischer Priester, der in Auschwitz für einen Mithäftling in den Hungerbunker ging und dort ermordet wurde. Papst Johannes Paul II. sprach Kolbe am 10. Oktober 1982 heilig.

Pfarrer pflanzt heimlich Äpfel
Und dann sind da noch die wundersamen Früchte des oberbayerischen Landpfarrers Korbinian Aigner. Treue Seelen aus seiner Gemeinde Hohenbercha bringen dem Bauernsohn zur Aufbesserung seiner Verpflegung Äpfel ins KZ. Die Kerne setzt der obstkundige Aigner zwischen den Baracken heimlich in die Erde. Wider alle Wahrscheinlichkeit geht die Saat auf. Aus einem Verzweiflungsakt entstehen neue Sorten.

Nach seiner Flucht bei einem Todesmarsch kann Aigner in Hohenbercha vier Sämlinge in Empfang nehmen, wo sie in seinem Garten heranreifen: Der Pfarrer nennt sie schlicht KZ-1 bis KZ-4. Nummer drei trägt seit 1985 seinen Namen: Der Korbiniansapfel hat festes Fleisch, schmeckt leicht säuerlich und ist gut lagerbar. Im Erdinger Land, Aigners Heimat, wird die Frucht bis heute angebaut. Ende April kommt die Doku-Fiktion «Ein stummer Hund will ich nicht sein» über ihn in die Kinos.

Andenken, Verehrung und Solidarität
Polens Bischofskonferenz hatte eigentlich für diesen Mittwoch eine Priesterwallfahrt zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau geplant. Wegen der Corona-Pandemie wurde diese aber auf unbestimmte Zeit verschoben.

«Erinnern wir uns in unseren Gebeten an diejenigen, die Leid erfahren haben», so Gadecki. «Das möge Ausdruck unseres Andenkens, unserer Verehrung und Solidarität gegenüber den Märtyrern sein und eine Bitte an Gott um Frieden und Versöhnung für alle.»

Hunderte ermordete Geistliche
Der Posener Erzbischof erinnerte unter anderem an die Verschleppung von mehr als 2700 Geistlichen in das KZ. Unter ihnen seien 1780 polnische Geistliche gewesen, von denen demnach 868 ermordet wurden.

Der Erzbischof kritisierte, im polnischen kollektiven Bewusstsein fehle grundsätzlich das Wissen, dass die katholischen Geistlichen im Zweiten Weltkrieg von allen Berufsgruppen in Polen die meisten Todesopfer zu beklagen hatten.

Tag des Martyriums
Die katholische Kirche in Polen begeht den 29. April seit 2002 als «Tag des Martyriums des polnischen Klerus». Überlebende polnische Geistliche des KZ Dachau pilgerten noch bis vor einigen Jahren an diesem Tag zum Sanktuarium des heiligen Josef im zentralpolnischen Kalisz (Kalisch), weil dieser sie vor dem Tod bewahrt haben soll. In der Kirche wurde daher auch eine «Kapelle des Martyriums und der Dankbarkeit» geschaffen.

Am 29. April 1945 befreiten Soldaten der US-Armee das Konzentrationslager Dachau nordwestlich von München. Insgesamt starben von den 200’000 seit 1933 eingelieferten Häftlingen mehr als 40’000 in dem KZ. Zudem deportierte die SS viele Menschen von Dachau weiter in die NS-Vernichtungslager.

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