Der Klostermarkt in Zürich: eine Erfolgsgeschichte der Orden
1 Es begann als eine fixe Idee – und wurde zu einem grossen Erfolg. Der Klostermarkt auf dem Hauptbahnhof in Zürich war unter anderem die Idee eines jungen Mönchs aus Einsiedeln. 2 Die Idee dazu hatte der Benediktinerpater Thomas Fässler nach einem Besuch im Unterwallis. 3 2023 initiierte Fässler auch den «Klostermarkt» am Hauptbahnhof Zürich, der für grosses mediales Interesse sorgte.
Finanzierung: Ja, die Landeskirche zahlte mit
4 Der Klostermarkt im Hauptbahnhof wurde von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich als Hauptsponsor mitgetragen. Das heisst: Die Körperschaft (Landeskirche), die sich aus Kirchensteuern finanziert, ermöglichte diesen Erfolg. Ohne die Landeskirche als Sponsor hätte es den Klostermarkt in dieser Form kaum gegeben.
Drei Jahre Erfolg – dann Pause
5 Im dritten Jahr in Folge lockte der Klostermarkt am 13. und 14. Juni 2025 wieder zahlreiche Menschen in die grosse Halle des Zürcher Hauptbahnhofs. Der energiegeladene Ort, an dem es sonst hektisch zu- und hergeht, wurde für zwei Tage zur Oase der Ruhe, Besinnung und der friedlichen Gemeinschaft.
Das Herzstück des Klostermarkts war klar: 6Pater Thomas Fässler, Initiator des Klostermarktes meint dazu: «Wir möchten neue Wege der Begegnung schaffen. Beim Klostermarkt geht es darum, mit möglichst vielen Menschen ausserhalb des Ordenslebens ins Gespräch zu kommen – sichtbar und ansprechbar zu sein und nicht primär ums Verkaufen.»
2026: Der Bistumstag verdrängt den Klostermarkt
7 Das war ursprünglich der Traum von Bischof Joseph Maria Bonnemain. 8 Gastgeber ist das Bistum Chur mit Bischof Joseph Maria Bonnemain, zusammen mit dem Generalvikariat Zürich-Glarus und mitgetragen von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich. 9 Vor knapp zwei Jahren hatte Bischof Joseph Maria Bonnemain die Idee, anlässlich des Heiligen Jahres 2025 ein eigenes Bistumsjahr auszurufen. «Es geht darum, eine Dynamik im Bistum zu entfachen, die wie Sauerteig und Katalysator mitten in der Gesellschaft wirken sollte». 10 Am 15. Juni 2025 wurde in Churer Altstadt das Bistumsjahr 2025/26 unter dem Motto «hören – handeln – hoffen» eröffnet. 11 Am 27. September 2025 wurde ein weiterer Bistumstag in Ingenbohl, in der Bistumsregion Urschweiz gefeiert. Nun lädt die Bistumsregion Zürich-Glarus ein am Sonntag, 31. Mai 2026, das Bistumsjahr gemeinsam in Zürich abzuschliessen.
Der Paradigmenwechsel: Vom Klostermarkt zum Bistumstag. Was passiert am 31. Mai 2026
12 Am Sonntag, 31. Mai 2026, feiert das Bistum Chur ein grosses Glaubensfest in den Hallen des Hauptbahnhofs Zürich gemeinsam mit Bischof Joseph Maria Bonnemain. 13 Gastgeber ist das Bistum Chur mit Bischof Joseph Maria Bonnemain, zusammen mit dem Generalvikariat Zürich-Glarus und mitgetragen von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich.
Das Programm zeigt den Paradigmenwechsel im Detail:14 Am Bistumstag wird die Bühne nach dem Gottesdienst ab 12 Uhr zum Schauplatz einer bunten, vielfältigen Kirche. Von multikulturellen Tänzen über eine Schülerband der Freien Katholischen Kirche Zürich bis hin zu einem hochkarätigen Gesprächspodium ist für alle etwas dabei. 15 Die Kirche stellt sich an 30 Ständen vor, der 31. ist für die Schweizer Garde reserviert. 16 In der grossen Halle können Interessierte auf zwei Plaudersofas ins Gespräch mit dem Bischof kommen. Aber auch andere Kirchenvertreterinnen und -vertreter werden Platz nehmen, um mit Ihnen ins direkte Gespräch zu kommen.
Was der Klostermarkt war – und was verloren geht
17 Am «Klostermarkt Zürich» sind die Rollen für einmal vertauscht: Statt ihre Pforten als Gastgeber zu öffnen, kommen Ordensleute selbst zu Besuch – mitten in die Welt, in den Alltag der Menschen. Und wo wäre dieser Alltag pulsierender als am Hauptbahnhof Zürich, wo täglich Zehntausende von Pendelnden hindurchströmen?
Das Herzstück war Gebet, Stille und Begegnung ohne Agenda:18 Eine kleine Kapelle wird die Besuchenden mitten im getriebigen Getümmel des Hauptbahnhofs einladen, zur Ruhe zu kommen. Denn wofür stehen Klöster mehr als für Stille und Gebet? 19 Ein wichtiger Aspekt des Anlasses ist der Austausch mit den anwesenden Ordensleuten, der gewiss für beide Seiten eine Bereicherung sein wird. Auf der einen Seite Menschen aus Klöstern, die für mehr stehen als schnellen Genuss und Gewinn und von einer für die meisten fremden Lebenswelt berichten. Auf der anderen Seite Menschen aus der Welt, die davon erzählen, was ihr Leben prägt, an Herausforderndem und Schönem. Solche ungezwungenen Begegnungen – auch mit Äbten mehrerer Klöster, die es sich nicht nehmen lassen, selbst am Marktstand zu stehen – tragen schon seit Jahrhunderten reiche Frucht.
Der eigentliche Paradigmenwechsel – eine Gegenüberstellung
| Klostermarkt (2023–2025) | Bistumstag (2026) | |
|---|---|---|
| Träger | Orden (KOVOS), Pater Thomas Fässler | Bistum Chur, Generalvikariat, Landeskirche |
| Finanzierung | Landeskirche als Sponsor, Eigenleistung der Orden | Kirchensteuermittel, Bistumsbudget |
| Im Zentrum | Mönche, Nonnen, Äbte am Marktstand | Bischof auf Plaudersofa, Institutionen an 30 Ständen |
| Geist | Ora et labora, Kapelle, Stille, Prayer Box | Podiumsgespräch, multikulturelle Tänze, Schülerband |
| Botschaft | Radikale Christusnachfolge sichtbar machen | „Hören – handeln – hoffen“, synodaler Prozess |
| Legitimation | Gelübde, Charisma, 1500 Jahre Ordenstradition | Kirchenrecht, Synodalität, Bischofsamt |
| Was die Leute anzog | Authentizität, Fremdheit, Klosterbrot und Gebet | Institutionelle Selbstdarstellung |
Die Kirchensteuer-Logik als Hebel
Die Katholische Kirche im Kanton Zürich (Körperschaft/Landeskirche) finanzierte den Klostermarkt als Hauptsponsor. Dieselbe Körperschaft trägt nun den Bistumstag mit. 20 Gastgeber ist das Bistum Chur mit Bischof Joseph Maria Bonnemain, zusammen mit dem Generalvikariat Zürich-Glarus und mitgetragen von der Katholischen Kirche im Kanton Zürich.
Wer die Kirchensteuer kontrolliert, bestimmt, was stattfindet. Die Orden haben kein eigenes Kirchensteueraufkommen – sie waren auf den Goodwill der Landeskirche angewiesen. Als das Bistum die Halle für sich beanspruchte, hatten die Orden keine Verhandlungsmacht.
Bonnemain: Der «liberale» Paradigmenwechsel
21 «Unsere Kirche muss bescheidener, demütiger, ehrlicher, transparenter werden», sagte Bonnemain. «Mit Rüffeln erreicht man nichts – ebenso nicht mit Verboten oder Vorschriften.»
Der Bischof sieht sich als Erneuerer: 22 Zusammen mit Bischof Joseph Maria Bonnemain stellt sich der Bischofsrat diesen Herausforderungen und den damit notwendigen Veränderungsprozessen. Am Strategietag wurden drei Grundsatzkriterien für einen gelingenden Kulturwandel verabschiedet: Innovation trotz Reduktion. In Zeiten begrenzter Ressourcen fördert dieses Paradigma kreative und innovative Lösungen.
Und genau hier liegt der Widerspruch: 23 Vielmehr geht es darum, eine Dynamik der Zuversicht zu entfachen sowie die Freude des Evangeliums in den Mittelpunkt zu stellen. Die drei Pfeiler unseres Bistumsjahres sind: Synodalität, Diakonie, Evangelisierung.
Doch Synodalität, Diakonie und Evangelisierung – das haben die Orden am Klostermarkt bereits gelebt, ohne es so zu nennen. Sie brauchten dafür kein Bistumsjahr und keine Paradigmen-Dokumente.
Der konservative Widerstand sieht dasselbe Problem
25 Ihnen gilt der Opus-Dei-Bischof Bonnemain zu liberal. Seit Bonnemains Amtsantritt fällt der Priesterkreis immer wieder als Reformbremser auf. 26 Eine Gruppe von Priestern aus dem Bistum, der nach eigenen Angaben 43 Geistliche angehören, weigert sich, den Kodex zu unterschreiben. 27 Der Churer Priesterkreis, ein Zusammenschluss konservativer Geistlicher, kritisierte, dass der Kodex zu einer institutionalisierten Doppelmoral und zu Heuchelei führe. 28 Zuvor hatten mehrere Priester aus dem Bistum Chur beim Vatikan einen sogenannten hierarchischen Rekurs, also eine Beschwerde, eingelegt.
Der Paradigmenwechsel in einem Satz
Von den Orden als geistlichem Fundament hin zum Bistum als Verwaltungsapparat, der sich mit Kirchensteuergeld in der Bahnhofshalle selbst feiert.
- Die Orden stiften Fundamente: Gebet, Gelübde, Jahrhunderte alte Regeln, Handwerk, Stille. Sie brauchen keine Kirchensteuern, um glaubwürdig zu sein.
- Das Bistum unter Bonnemain nutzt das von den Orden aufgebaute Format, um seinen eigenen «Kulturwandel» zu inszenieren – finanziert durch Kirchensteuern, getragen von Institutionen, begleitet von Podiumsdiskussionen und «Plaudersofas».
29 Was als Traum von Bischof Joseph Maria Bonnemain begann, ist nun Realität. Ein Glaubensfest mitten im Herzen von Zürich, in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs. Doch die Geschichte des Bistumstages beginnt noch früher, nämlich auf dem Arcas-Platz in Chur, im vergangenen Sommer.
Nein – die Geschichte beginnt noch viel früher: beim Mut eines Benediktinerpaters aus Einsiedeln, der 2023 auf die Idee kam, Ordensleute in den Hauptbahnhof zu bringen. 30 «Die SBB war bei der Anmietung der Bahnhofshalle ganz offen uns gegenüber – die hatten keinerlei Berührungsängste mit Geistlichen.» Auch die Sponsoren hatten sie relativ bald beisammen. Nur die Klöster zum Mitmachen zu bewegen, war etwas schwieriger. «Viele Gemeinschaften trauten sich das Projekt erst nicht zu», sagt Pater Thomas.
Das ist der eigentliche Paradigmenwechsel: Die Institution übernimmt das Charisma, entkernt es und ersetzt es durch ihren eigenen Liberalismus. Kirchensteuern ersetzen Gelübde. Plaudersofas ersetzen Gebetskapellen. Und der Bischof sitzt dort, wo vorher Äbte und Nonnen am Marktstand standen.
Der Klostermarkt kommt 2027 zurück. Die Frage wird sein, ob er dann noch seine Seele hat – oder ob er zum Anhängsel des Bistumsprogramms degradiert wird.


