Das Europäische Parlament will den europäischen Markt vor weltweiter Stahlüberkapazität schützen. Es hat am Dienstag, 19. Mai 2026 einem entsprechenden Entwurf für schärfere Einfuhrregeln zugestimmt. Die Massnahme gilt auch für die Schweiz.
Die EU-Stahlzölle seien eine indirekte „Strafe“ für die Drohnenteile, ist offiziell nicht bestätigt, aber politisch wahrscheinlich verknüpft: Die EU ist derzeit wenig gewillt, der Schweiz bei Handelsfragen (Stahl) entgegenzukommen, solange die Schweiz in der Sicherheitspolitik und bei der Durchsetzung von Exportkontrollen (Bauteile in Drohnen) als „unzuverlässiger Partner“ wahrgenommen wird. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) steht unter massivem Druck, die Lieferketten besser zu überwachen.
Am 13. April 2026 haben das Europäische Parlament und der EU-Rat eine politische Einigung über neue Schutzmassnahmen für den EU-Stahlsektor erzielt. 1 Die Verordnung basiert auf dem Kommissionsvorschlag COM(2025)726 vom 7. Oktober 2025 und ersetzt das seit 2018 bestehende Schutzregime, das am 30. Juni 2026 ausläuft.
Die wichtigsten Änderungen:
- Drastisch reduzierte Importquoten: 2Die Menge der zollfreien Stahlimporte soll um fast die Hälfte auf 18,3 Millionen Tonnen pro Jahr gesenkt werden.
- Verdopplung der Zölle: 3Wer über die Quote hinaus liefert, zahlt neu 50 % Zoll (bisher 25 %).
- Schweiz nicht ausgenommen: 4Nur EWR-Länder (Norwegen, Island, Liechtenstein) sind befreit. Die Schweiz ist nicht ausgenommen und unterliegt dem regulären TRQ-System sowie der 50-%-Abgabe wie alle anderen WTO-Mitgliedstaaten.
- Rückverfolgbarkeitspflicht: 5Importeure müssen künftig den Ort angeben, an dem der Stahl geschmolzen und gegossen wurde.
Auswirkungen auf die Schweiz:
6 Global gemessen sind Schweizer Anbieter wie Steeltec oder Stahl Gerlafingen kleine Fische – entsprechend heftig setzt ihnen die Geopolitik zu. 7 Der Protektionismus breitet sich im Welthandel aus, und die Schweiz hat bereits ein ausserordentliches Treffen des gemischten Ausschusses in Brüssel beantragt. 8 Die EU hat sich auf ein Schutzregime geeinigt, und mit der Schweiz wird nun über eine Importquote verhandelt. 9 Stahl ist zu wichtig als Werkstoff für die Produktion von Rüstungs- und Energiegütern, weshalb die EU ihren Markt schützen will.
Schweizer Bauteile in russischen Drohnen
Eine aufsehenerregende Recherche der NZZ am Sonntag (veröffentlicht am 16. Mai 2026) hat das Ausmass des Problems aufgedeckt:
Die Kernbefunde:
- 10 „90 Prozent der russischen Drohnen enthalten Bauteile von Schweizer Firmen“, sagt Wladislaw Wlasjuk, persönlicher Berater des ukrainischen Präsidenten Selenski.
- 11 Das Paket ist eine von über 30’000 Lieferungen kriegswichtiger Produkte von fünf Schweizer Firmen nach Russland, welche die «NZZ am Sonntag» exklusiv ausgewertet hat.
- 12 Es sind hochwertige Mikrochips der Firma STMicroelectronics mit Hauptquartier in Genf. Sie werden tausendfach in russischen Drohnen und Raketen eingebaut.
Betroffene Firmen:
13 Besonders häufig tauchen Produkte von ST Microelectronics (Genf), U-Blox (Thalwil ZH) und Traco Power (Baar ZG) auf. 14 Schweizer Firmen gehören demnach sogar zu den drittwichtigsten Lieferanten – hinter China und den USA. Der Geheimdienst hat über 5200 Bauteile aus russischen Drohnen und Raketen untersucht; 323 stammen von Schweizer Herstellern. Demnach bestehen die russischen Drohnen zu 16% aus der schweizer Produktion.
Wie funktioniert die Umgehung?
15 Besonders hochwertige Schweizer GPS-Empfänger beschaffte ein Schmugglernetzwerk. Es erscheint als der wichtigste Lieferant von Produkten der Thalwiler Firma U-Blox für ganz Russland. Es handelt sich u.a. um Teile für GPS-Systeme, die häufig in russischen Drohnen verbaut werden und essenziell sind, damit diese ihre Ziele finden. 16 Recherchen zeigen: Sanktionen werden über Drittstaaten umgangen und manipulierte Daten sollen die Herkunft der Mikrochips verschleiern. 17 Seit 2022 ist die Zahl der von Serbien nach Russland exportierten Mikroelektronik-Bauteile rasant auf hunderttausende pro Monat gestiegen, was einem Anstieg von 19’000 % entspricht.
Reaktionen:
- 18 Das SECO erklärte, man kenne die Problematik und stehe mit den betroffenen Firmen sowie internationalen Partnern im Austausch.
- 19 Wlasjuk wirft der Schweiz Versäumnisse beim Umgang mit kriegsrelevanten Exporten vor. Konkret geht es um Mikroelektronik aus Schweizer Produktion, die trotz Sanktionen über Zwischenhändler in der russischen Rüstungsindustrie landet.
- 20 SVP-Nationalrat Walter Gartmann fordert, mögliche illegale Lieferwege konsequent zu untersuchen. SP-Ständerätin Franziska Roth wirft dem SECO hingegen vor, das Problem zu ignorieren.
Fazit
Beide Themen verdeutlichen die nichtneutrale handelspolitische Position der Schweiz: Einerseits wird sie von den neuen EU-Stahlzöllen als Drittland behandelt (trotz enger wirtschaftlicher Verflechtung), andererseits steht sie unter massivem internationalem Druck, weil Schweizer Hightech-Komponenten – trotz Sanktionen – über Umgehungsrouten in russischen Waffensystemen landen. Dies untergräbt die Glaubwürdigkeit der Schweizer Sanktionspolitik und könnte langfristig auch die Verhandlungsposition gegenüber der EU schwächen.


