Heute feiert die Kirche das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu. Die Enzykliken Haurietis aquas (Pius XII., 1956) und Dilexit nos (Papst Franziskus, 2024) würdigen die Herz-Jesu-Spiritualität als geistliche Antwort auf eine hektische Welt.

Dabei birgt die Herz-Jesu-Litanei eine theologische Tiefe, die im alltäglichen Beten oft unentdeckt bleibt. Dieser Artikel beleuchtet sieben besonders gehaltvolle Anrufungen – gestützt auf die Summa Theologica des heiligen Thomas von Aquin und die Reflexionen des Steyler Missionars Pater A. Biskupek.
- Herz Jesu, Sohn des ewigen Vaters
Diese Anrufung wirft zwei theologische Fragen auf: die Sohnschaft der zweiten Person der Heiligen Dreifaltigkeit und die Tatsache, dass Gott ewig ist.1.
Im Glaubensbekenntnis hesst es, dass der Sohn Gottes „vor aller Zeit aus dem Vater gezeugt“ ist. Man könnte sich jedoch fragen: Wie kann der Vater den Sohn zeugen, da Gott Geist ist und keinen Körper hat? Wir können dies nicht mit menschlichen Begriffen erklären. Wie also geschieht diese Zeugung des Sohnes durch den Vater? Der heilige Thomas von Aquin schreibt in seiner Summa Theologiae, dass der Sohn aus dem göttlichen Intellekt hervorgeht und deshalb „das Wort“ oder auf Griechisch „Logos“ genannt wird.
„Wort“ (…) ist der eigentliche Name für die Person des Sohnes. Denn es bedeutet, aus dem Intellekt hervorgehend; und die Person, die in Gott durch intellektuelle Emanation hervorgeht, wird Sohn genannt; und dieses Hervorgehen wird Zeugung genannt (…). Daraus folgt, dass nur der Sohn im eigentlichen Sinne Wort in Gott genannt wird“, erklärt der Engelsgleiche Doktor (ST I, q. 34, a. 2, c.).
Das Verständnis dieser theologischen Wahrheit macht die Worte, mit denen das Johannesevangelium beginnt, viel verständlicher: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch dasselbe geworden, und ohne dasselbe ist nichts geworden, was geworden ist. (…) Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ (Joh 1,1–3.14).
Wie der heilige Thomas erklärt, ist dieses „Wort“ der Sohn Gottes; daher gilt: „Im Anfang war der Sohn“. Das bedeutet, dass es keinen Augenblick gab, in dem der Sohn nicht existierte. Der Evangelist Johannes betont zudem, dass „das Wort Gott war“ – eine kraftvolle Antwort auf die Häretiker, die seine Göttlichkeit leugneten. Schließlich sehen wir, dass „das Wort Fleisch wurde und unter uns wohnte“, das heißt: Der Sohn nahm die menschliche Natur an, wurde von der Jungfrau geboren und starb nach 33 Jahren für unser Heil.
Die Aussagen über den Ursprung der göttlichen Personen dürfen nicht als zeitlich aufeinanderfolgende Ereignisse verstanden werden. Gott steht außerhalb der Zeit, und es gab nie einen Zeitpunkt, in dem der Vater existierte und der Sohn oder der Heilige Geist nicht existierten. Alle Personen der Dreifaltigkeit sind wesensgleich.
- Herz Jesu, gebildet im Schoß der Jungfrau Maria durch den Heiligen Geist
Christi Herz – wie seine gesamte menschliche Natur – wurde im Augenblick seiner Empfängnis geschaffen, als Maria ihr „Fiat“ sprach. Dennoch können wir nicht sagen, dass Christus ein Geschöpf ist: Geschaffen wurden sein Leib und seine Seele, während er als Person von Ewigkeit her existiert und lediglich die menschliche Natur annahm. Was er war, blieb er; in seiner göttlichen Natur erlitt er weder Verlust noch Veränderung. Was er nicht war, nahm er an: die geschaffene menschliche Natur mit all ihren Eigenschaften – außer der Sünde.
Diese Anrufung enthält eine weitere theologische Wahrheit: Die menschliche Empfängnis Christi geschah ohne Mitwirkung eines Mannes, durch das wunderbare Wirken des Heiligen Geistes. Der Erzengel Gabriel erklärt dies Maria bei der Verkündigung:
Da fragte Maria den Engel: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Der Engel antwortete ihr: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Sohn Gottes genannt werden.“ (Lk 1,34–35)
- Herz Jesu, wesensmässig vereint mit dem Wort Gottes
Wie bereits erläutert, ist das Wort Gottes der Sohn Gottes, die zweite Person der Heiligen Dreifaltigkeit. Vom Augenblick seiner Empfängnis im Schoss Marias an waren seine göttliche und seine menschliche Natur untrennbar miteinander verbunden – und werden es in Ewigkeit bleiben. In der Theologie nennt man dies die hypostatische Union.
Daher ist das Herz Jesu – wie jeder andere Teil seines geschaffenen Leibes – in der einen Person des ewigen Sohnes Gottes „verankert“. Jesu Herz ist somit das Herz Gottes, sein Blut das Blut Gottes usw. Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch; er besitzt einen göttlichen und einen menschlichen Verstand sowie einen göttlichen und einen menschlichen Willen. Diese beiden Naturen sind weder vermischt noch getrennt.
- Herz Jesu, unerschöpfliche Quelle aller Tugenden
Alle Gnaden stammen von Gott, der ihr Ursprung ist. Und weil die Seele Christi, vereint mit dem ewigen Sohn Gottes, diesem Ursprung am nächsten ist, empfängt sie die grösste Fülle dieser Gnaden. „Die Seele Christi, enger mit Gott verbunden als jedes andere vernunftbegabte Geschöpf, hat den überreichsten Gnadenstrom empfangen“, erklärt Thomas von Aquin (ST III, q. 7, a. 9, c.).
Die Tugenden entspringen der Gnade; deshalb besitzt Christus sie alle in vollkommener Weise. Zudem ist Christus völlig frei von Sünde; daher hat jede Tugend in ihm ihre höchste Vollendung erreicht. Im Herzen Christi liegt somit der unerschöpfliche Reichtum aller Tugenden.
Wenn wir das Heiligste Herz Jesu als die Tiefe aller Tugenden bezeichnen, meinen wir, dass er alle Tugenden in solcher Vollkommenheit besitzt, dass wir ihr Ausmaß nicht erfassen und ihre Tiefe nicht messen können. Es gibt keine Tugend (…) die nicht in ihm gegenwärtig ist; es gibt keine Tugend, die nicht in aller erdenklichen Vollkommenheit, ohne jeden Makel oder Fehler, in ihm gegenwärtig ist – erklärt Pater A. Biskupek SVD. [1]
- Herz Jesu, an dem der Vater Wohlgefallen hat
Während seines gesamten irdischen Lebens erfüllte Christus vollkommen den Willen des Vaters. Dies zeigt sich besonders in seinem Gebet im Garten Getsemani. Trotz des Wissens um sein bevorstehendes Leiden – bis hin zum blutigen Schweiss – blieb er dem Vater absolut gehorsam:
Er ging ein Stück weiter, fiel auf sein Angesicht und betete: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Mt 26,39)
Christus ist auch das vollkommenste Abbild Gottes – „der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens“ (Hebr 1,3). Dem Apostel Philippus sagt er: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9).
Darum ist es kein Wunder, dass der Vater Wohlgefallen an Christus hat. Die Heilige Schrift bezeugt dies zweimal: bei der Taufe Jesu im Jordan und bei der Verklärung auf dem Berg Tabor. In beiden Fällen spricht Gott der Vater: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“ (Mt 3,17); bei der Verklärung fügt er hinzu: „Hört auf ihn!“ (Mt 17,5).
Der Vater freut sich auch deshalb an Jesus, weil er durch ihn unendliche Herrlichkeit empfängt: Jesus, das Haupt des Menschengeschlechts, gibt dem Vater eine vollkommene Sühne und Verehrung – in besonderer Weise durch sein Opfer am Kreuz. So gibt Jesus dem Vater zurück, was die Menschen ihm verweigert haben und was sie ihm aus sich heraus nicht geben könnten: vollkommenen Lobpreis und Herrlichkeit, die Christus als Gottmensch in unüberbietbarer Weise darbringt, erinnert Pater Biskupek. [2]
- Herz Jesu, Sehnsucht nach den ewigen Bergen
Seitdem unsere ersten Eltern gegen Gott sündigten und aus dem Paradies vertrieben wurden, war ihnen der Himmel verschlossen. Die Gerechten des Alten Bundes konnten daher nach ihrem Tod nicht unmittelbar Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, sondern warteten im Schoss Abrahams (auch „Vorhölle“/„Limbus der Väter“ genannt) auf die Erlösung.
Bereits im Gerichtswort an die Schlange kündigt Gott den kommenden Messias an – das sogenannte Protoevangelium:
„Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“ (Gen 3,15)
Die Erfüllung dieser Verheißung beginnt in der Nacht von Bethlehem, als der Erlöser geboren wird. Nach seinem Tod steigt Christus zu den Toten hinab, um die Gerechten in die Gemeinschaft mit Gott zu führen. In diesem Sinn war Christus „die Sehnsucht der Welt“.
Die lateinische Fassung dieser Anrufung lautet: „desiderium collium aeternorum“ – „Sehnsucht der ewigen Hügel/Berge“. Es ist eine poetische Personifizierung, die Pater Biskupek wie folgt deutet: Die Berge waren Zeugen der ursprünglichen Harmonie der Schöpfung, des Falls und des Elends der Sünde – und zugleich Sinnbild der Hoffnung auf die Erneuerung aller Dinge in Christus. [3]
Die Welt erwartet nicht nur das erste Kommen Christi, sondern auch sein zweites Kommen, bei dem Sünde und Tod endgültig vernichtet werden. Dies bezeugt die Offenbarung:
„Siehe, die Wohnung Gottes unter den Menschen! (…) Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“ (Offb 21,3–4)
- Herz Jesu, Freude aller Heiligen
Es fällt dem menschlichen Verstand schwer zu begreifen, wie die Heiligen im Himmel Gott schauen können, obwohl sie keine leiblichen Augen haben. Die Seele verliert im Augenblick des Todes, wenn sie sich vom Leib trennt, die sinnliche Wahrnehmung und erlangt sie erst bei der Auferstehung der Toten am Ende der Zeiten wieder. Getrennt vom Leib behält sie jedoch Verstand und freien Willen. Durch den Verstand können die Seelen der Seligen Gott schauen – nicht mit leiblichen Augen, sondern in der seligen Schau (lateinisch: visio beatifica). Ebenso können die Heiligen für uns zu Gott beten, denn sie müssen nicht mehr für sich selbst bitten.
Papst Benedikt XII. lehrt 1336 in der Konstitution Benedictus Deus:
Die Seelen (…) schauen das göttliche Wesen durch intuitive Schau und sehen es deutlich, klar und offen, ohne die Vermittlung irgendeines Geschöpfes; vielmehr offenbart sich ihnen das göttliche Wesen unmittelbar, und in dieser Schau genießen sie das göttliche Wesen.
Der heilige Gregor der Grosse erklärt, dass die Seelen der Erlösten, die Gott schauen, in ihm auch Erkenntnis über Geschöpfe und Ereignisse gewinnen können. Darum wissen sie auch um unsere Bitten und können für uns Fürbitte einlegen.


