In einem Offenen Brief an Papst und Kardinäle bekräftigt die Priesterbruderschaft St. Pius X. den überlieferten katholischen Glauben und lehnt zahlreiche Lehren und Reformen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil entschieden ab.
Menzingen, 25. Juni 2026 – Die Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) hat am Mittwoch ein umfangreiches theologisches Grundsatzdokument veröffentlicht. Unter dem Titel „Katholisches Glaubensbekenntnis der Priesterbruderschaft St. Pius X. zur Erleuchtung der Seelen angesichts der modernen Irrtümer“ legt die traditionalistische Gemeinschaft nicht nur dar, woran sie festhält, sondern benennt auch klar, welche Entwicklungen der letzten sechzig Jahre sie als Irrtümer betrachtet.
Das Credo ist als Anlage zu einem Offenen Brief an den Papst und die Kardinäle der katholischen Kirche konzipiert und wurde gleichzeitig in mehreren Sprachen (Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch und weiteren) auf der offiziellen Website der Bruderschaft publiziert.
Ein umfassendes anti-modernistisches Manifest
Das Dokument geht weit über ein klassisches Glaubensbekenntnis hinaus. Es verbindet die positive Darlegung des katholischen Glaubens mit einer pointierten Zurückweisung dessen, was die Bruderschaft als „moderne Irrtümer“ bezeichnet. Dazu gehören insbesondere:
- Der religiöse Indifferentismus und ein Ökumenismus, der die Alleinwirksamkeit der katholischen Kirche als Heilsanstalt relativiere.
- Die Lehre der Religionsfreiheit, wie sie in der Konzilserklärung Dignitatis Humanae formuliert wurde. Die FSSPX sieht darin einen Bruch mit der traditionellen Lehre, wonach der Staat die wahre Religion zu schützen und Irrtümer zumindest nicht positiv zu fördern habe.
- Die neue Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils, insbesondere die Aussagen über „Elemente von Kirche“ ausserhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche (Unitatis Redintegratio).
- Bestimmte Aspekte der Liturgiereform. Die Bruderschaft hält die überlieferte römische Liturgie (Tridentinische Messe) nicht nur für legitim, sondern für die dem katholischen Glauben objektiv angemessenste Ausdrucksform.
- Den Geist des Modernismus und der „neuen Theologie“, der nach Ansicht der FSSPX bereits von Papst Pius X. (1903–1914) zutreffend als „Sammelbecken aller Häresien“ verurteilt worden sei.
Das Dokument beruft sich ausdrücklich auf die grossen lehramtlichen Texte der Vorkonzilszeit, insbesondere auf die Enzykliken Pascendi Dominici Gregis (Pius X.), Quas Primas (Pius XI.) und Humani Generis (Pius XII.).
„Nicht aus Gehorsamsverweigerung, sondern aus Sorge um die Seelen“
In dem begleitenden Offenen Brief appellieren die Verantwortlichen der Bruderschaft direkt an den Papst und die Kardinäle, die „modernistischen Tendenzen“ klar zu verurteilen und zur „unverfälschten katholischen Lehre“ zurückzukehren. Die anhaltende Krise der Kirche – Priestermangel, drastischer Rückgang der Praxis, Glaubensverlust ganzer Regionen und moralische Verwirrung – werde nicht trotz, sondern wegen der nachkonziliaren Veränderungen immer dramatischer.
Die Bruderschaft betont, sie handle nicht aus Rebellion gegen den Papst, sondern aus Treue zur Kirche und aus Sorge um das ewige Heil der Seelen. Der Titel des Credo („zur Erleuchtung der Seelen“) unterstreicht diesen pastoral-missionarischen Anspruch.
Historischer Kontext
Die 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründete Priesterbruderschaft betrachtet sich als Bollwerk des katholischen Traditionskatholizismus. Nach der Weihe von vier Bischöfen ohne päpstliche Erlaubnis 1988 kam es zum Bruch mit Rom. Unter Benedikt XVI. gab es intensive Versöhnungsgespräche und die Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe (2009), doch eine kanonische Regularisierung scheiterte letztlich an den unterschiedlichen Bewertungen des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Unter Papst Franziskus wurden die Beziehungen zunächst pragmatisch verbessert (u. a. durch die Anerkennung der Gültigkeit der von FSSPX-Priestern gespendeten Sakramente), kühlten jedoch in den letzten Jahren wieder merklich ab.
Bedeutung der Veröffentlichung
Das neue Glaubensbekenntnis ist die bisher deutlichste und systematischste Positionsbestimmung der Piusbruderschaft seit vielen Jahren. Es richtet sich nicht primär an die breite Öffentlichkeit, sondern bewusst an die kirchliche Hierarchie. Gleichzeitig dient es der inneren Festigung der eigenen Anhänger und der Abgrenzung gegenüber konservativen Kreisen, die das Konzil zwar kritisch sehen, aber innerhalb der offiziellen Strukturen bleiben wollen.
Ob das Dokument zu neuen Gesprächen mit Rom führen oder die Gräben weiter vertiefen wird, bleibt abzuwarten. Bisher hat der Vatikan noch nicht offiziell reagiert.
Die Veröffentlichung zeigt jedoch eines sehr deutlich: Mehr als sechzig Jahre nach Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils ist die Auseinandersetzung um dessen korrekte Interpretation und um die Kontinuität des katholischen Glaubens keineswegs abgeschlossen – sie wird mit theologischer Schärfe fortgesetzt.


