Die unabhängige Meldestelle für sexuelle Übergriffe im Bistum Basel hat einen prominenten neuen Chef: Dr. Michael Daphinoff, Partner der Grosskanzlei Kellerhals Carrard.
Nach zehn Jahren unter der Leitung von Rechtsanwältin Christine Hess-Keller übernimmt nun ein ausgewiesener Spezialist für interne Untersuchungen, Straf- und Arbeitsrecht. Die offizielle Seite des Bistums listet ihn bereits als Ansprechpartner. Was auf den ersten Blick nach mehr Professionalität und Distanz zur Bistumsleitung klingt, wirft vor allem eine zentrale Frage auf:
Zu welchem Preis?
Kellerhals Carrard – Die neue Macht im Bistum
Kellerhals Carrard gilt als die grösste Anwaltskanzlei der Schweiz. Mit rund 360 Juristinnen und Juristen sowie insgesamt etwa 600 Mitarbeitenden an mehreren Standorten ist sie ein echter Big-Law-Player. Die Kanzlei ist spezialisiert auf Internal Investigations, Compliance, Wirtschaftsstrafrecht und Krisenmanagement.
Michael Daphinoff passt fachlich perfekt ins Profil. Bemerkenswert ist jedoch: Die Kanzlei war bereits seit November 2023 für kanonische Voruntersuchungen und die Vorbereitung von Genugtuungsanträgen im Bistum Basel zuständig. Nun übernimmt sie zusätzlich die zentrale, unabhängige Meldestelle.
Warum diese Lösung extrem teuer wird
Öffentliche Zahlen zu den genauen Kosten gibt es nicht – und genau das ist bereits Teil des Problems.
In der Schweiz liegen die Stundensätze von Partnern bei Top-Kanzleien üblicherweise zwischen 500 und 800 Franken, in manchen Fällen sogar über 1.000 Franken. Senior Associates verlangen oft 400–600 Franken. Dazu kommen Teamaufwände, Spesen, Overhead und Mehrwertsteuer.
Seit der Pilotstudie 2023 sind über 160 Meldungen eingegangen. Es gab hunderte Akteneinsichten, Dutzende Empfehlungen, Genugtuungsanträge und Voruntersuchungen. Selbst eine konservative Schätzung ergibt schnell mehrere Hunderttausend Franken pro Jahr – zusätzlich zu den bereits laufenden Mandaten derselben Kanzlei. Über mehrere Jahre hinweg können leicht Millionenbeträge zusammenkommen.
Zum Vergleich: Das reguläre Bistumsbudget liegt bei rund 5 Millionen Franken jährlich. Jeder Franken, der für Premium-Anwaltsstunden ausgegeben wird, fehlt an anderer Stelle – etwa bei Prävention, Opferhilfe oder Seelsorge.
Unabhängigkeit als Luxus-Label
Das Bistum betont die Unabhängigkeit der Meldestelle. Nach Kritik an zu engen Verbindungen der Vorgängerin zum Bischof soll der Wechsel zu einer grossen, renommierten Kanzlei offenbar Distanz signalisieren. Für Schlagzeilen bezüglich einer persönlichen Freundschaft zu Bischof Felix Gmür sorgte zuvor die Kanzlei Hess Advokatur aus Sursee. Die dortige Anwältin Christine Hess-Keller leitete jahrelang die Meldestelle. Opferverbände kritisierten eine mangelnde Unabhängigkeit, da sowohl sie als auch ihr Ehemann Christoph Hess gemeinsam mit Bischof Felix Gmür in derselben Studentenverbindung (AKV Alemannia) aktiv waren und als „alte Kameraden“ gelten.
Doch echte Unabhängigkeit muss nicht automatisch so teuer sein. Viele Betroffene und Fachleute fordern seit Jahren transparente, externe Strukturen – etwa eine Zusammenarbeit mit staatlichen Opferhilfestellen oder einer nationalen Meldestelle.
Stattdessen fliesst Kirchensteuergeld (bzw. die Beiträge der Gläubigen) in eine der prestigeträchtigsten und teuersten Kanzleien des Landes. Eine Kanzlei, die einen geschätzten Jahresumsatz von deutlich über 70 Millionen Franken erzielt. Sie macht das, wofür sie bezahlt wird: professionelle, haftungsminimierende Juristerei.
Die Frage bleibt berechtigt: Ist das die beste und effizienteste Form der Aufarbeitung jahrzehntealter, meist verjährter Fälle?
Mehr Transparenz ist überfällig
Die Kosten der Meldestelle und der begleitenden Mandate werden vom Bistum getragen – für Betroffene bleibt das Angebot kostenlos. Das ist richtig.
Dennoch haben die Gläubigen und die Öffentlichkeit ein berechtigtes Interesse zu erfahren, wie viel genau für diese „Unabhängigkeit“ ausgegeben wird. Ohne Offenlegung der Verträge, Stundensätze und jährlichen Volumina bleibt der Verdacht bestehen, dass hier vor allem Imagepflege auf Kosten knapper kirchlicher Mittel betrieben wird.
Fazit: Wem dient diese teure Aufarbeitung wirklich?
Der Wechsel zu Michael Daphinoff und Kellerhals Carrard ist fachlich nachvollziehbar. Er sendet aber auch ein klares Signal: Die Aufarbeitung sexueller Übergriffe im grössten Schweizer Bistum wird zu einem teuren Juristenprojekt.
Ob das vor allem der Institution Absicherung und Reputation bringt – oder tatsächlich den Betroffenen dient –, wird sich zeigen.
Was meinen Sie?
Sollte das Bistum die Kosten der Meldestelle transparent offenlegen? Und ist eine Grosskanzlei wirklich die richtige Adresse für die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen?


