Die Schweizer Bischofskonferenz steht vor einem grundlegenden Spannungsfeld: Einerseits muss sie sich mit drängenden gesellschaftlichen und innerkirchlichen Fragen wie dem sexuellen Missbrauch, der Migration und der Rolle von Frauen in der Kirche auseinandersetzen. Andererseits wird ihr zunehmend vorgeworfen, darüber den eigentlichen Auftrag der Kirche zu vernachlässigen: die Verkündigung des Evangeliums und die missionarische Ansprache der Menschen in der Schweiz.
Diese Kritik ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Die Aufarbeitung von Missbrauch ist unverzichtbar, ebenso der Schutz Betroffener und die Schaffung transparenter Strukturen. Auch Fragen der Migration und der Beteiligung von Frauen verdienen eine ernsthafte Behandlung. Solche Themen dürfen jedoch nicht zum Ersatz für eine klare geistliche Orientierung werden. Wenn kirchliche Gremien hauptsächlich auf gesellschaftliche Debatten reagieren, entsteht der Eindruck, die Kirche definiere sich nur noch über Organisationsfragen und politische Stellungnahmen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die Bischofskonferenz diese Themen behandeln soll, sondern ob sie dabei ihren zentralen Auftrag aus dem Blick verliert. Evangelisierung bedeutet nicht, gesellschaftliche Verantwortung abzulehnen. Sie verlangt vielmehr, soziale Fragen aus dem Glauben heraus zu deuten und zugleich verständlich, glaubwürdig und mutig von Christus zu sprechen. Eine Kirche, die Missbrauch aufarbeitet, Migranten begleitet und Frauen stärker beteiligt, muss auch erklären können, aus welcher Hoffnung und welchem Menschenbild heraus sie dies tut.
Die Krise der Kirche lässt sich deshalb nicht einfach durch „Ersatzthemen“ verschleiern. Sie besteht vor allem in einem Verlust an Glaubwürdigkeit, geistlicher Ausstrahlung und missionarischer Klarheit. Wenn die Schweizer Bischofskonferenz diesen Verlust überwinden will, braucht es beides: ehrliche Aufarbeitung und eine erneuerte Evangelisierung. Dazu gehören eine verständliche Verkündigung, tragfähige Gemeinden, geistliche Bildung, persönliche Zeugnisse und der Mut, den Glauben öffentlich zur Sprache zu bringen.
Nicht die Beschäftigung mit Missbrauch, Migration oder Frauenfragen ist das Problem. Problematisch wäre vielmehr eine Kirche, die diese Themen behandelt, ohne ihren geistlichen Mittelpunkt sichtbar zu machen. Die Schweizer Kirche braucht daher keine Ablenkung von der Krise, sondern eine offene Auseinandersetzung mit ihr – verbunden mit der Rückbesinnung auf ihren eigentlichen Auftrag, den Menschen in der Schweiz das Evangelium glaubwürdig und einladend zu verkünden.
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