Dem Verhaltenskodex für das Bistum Chur folgte neulich das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg nach. In beiden Dokumenten – welche von Laien für Priester ausgearbeitet wurden – geht es darüber, jede Form von Missbrauch zu unterbinden. Dabei stellt sich die bisher ungelösste Frage, inwiefern die jetzigen kirchenrechtlichen Regelungen nicht genügen, Missbrauch vorzubeugen. Auch stellt sich die Frage, inwiefern es nicht wichtig wäre, die katholische Morallehre wieder in Erinnerung zu rufen. Papst Benedikt XVI. hat in einem Aufsatz darüber geschrieben, wie die Abkehr von der katholischen Morallehre hin zu einer autonomen Moral dazu beigetragen hat, dass Missbrauch in der Kirche salonfähig geworden ist. Anstatt Verhaltenskodizes einzuführen, die nicht über das hinausgehen, was das Kirchenrecht sagt, sollte lieber wieder die katholische Morallehre ins Zentrum gerückt werden. Die Vorstellung, jede Handlung des Menschen sei gut, solange sie von ihm in Freiheit gewählt wird, hat zu einer Welt geführt, in der sexueller Missbrauch innerhalb und vor allem auch ausserhalb der Kirche enttabuisiert worden ist. Ausserdem ist zu erwähnen, dass einige Formulierungen der Verhaltenskodizes sehr problematisch sind, da sie nicht unterscheiden zwischen wirklichem Missbrauch und der Aufgabe eines Priesters, das Evangelium unverkürzt zu verkünden.
Die neu eingeführten Verhaltenskodizes in den Schweizer Bistümern tragen die Gefahr in sich, dass die Priester einfache Wahrheiten nicht mehr aussprechen dürfen, ohne in den Verdacht zu geraten, geistlichen Missbrauch zu betreiben. Hier liegt etwas sehr Paradoxes vor: Man möchte Missbrauch verhindern, schränkt die Priester aber ein, den Menschen ins Gewissen zu reden, wenn es um Fragen der Moral geht. Jesus würde ganz bestimmt ebenfalls Probleme mit dem Verhaltenskodex eines Bistums bekommen, würde er heute als Wanderprediger durch die Strassen der Schweiz ziehen.



