Universitätsspital in Zürich – Skandal weitet sich aus: Zehn weitere kritische Fälle identifiziert

Universitätsspital in Zürich - Affäre weitet sich aus: Zehn weitere kritische Fälle identifiziert

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Wunderbares Überleben?
Wunderbares Überleben?

Die Affäre um Starchirurg Francesco Maisano zieht immer weitere Kreise: Das Universitätsspital Zürich (USZ) hat nach eigenen Angaben rund zehn zusätzliche problematische Fälle identifiziert. Was zunächst als Einzelfall dargestellt wurde, entwickelt sich zu einem Skandal mit System – und wirft grundsätzliche Fragen über Aufsicht, Qualitätskontrolle und Kultur in der Schweizer Spitzenmedizin auf.

Nicht ein Einzelfall – sondern zehn weitere

Das USZ bestätigt, dass nach der Aufarbeitung der Vorwürfe gegen Herzchirurg Francesco Maisano rund zehn weitere kritische Fälle ans Licht gekommen sind. Damit wird deutlich: Was die Klinikleitung möglicherweise anfangs als isoliertes Problem behandelt haben mag, ist offenbar Teil eines grösseren Musters.

Die Frage drängt sich auf: Wie konnte es so weit kommen? Und noch wichtiger: Wie viele dieser Fälle wären ohne die öffentliche Aufmerksamkeit um Maisano überhaupt je untersucht worden?

Systemversagen oder Einzelversagen?

Der Fall Maisano hatte bereits im Vorfeld für Aufsehen gesorgt. Nun zeigt sich: Es geht nicht nur um einen renommierten Chirurgen, sondern offenbar um strukturelle Defizite. Zehn weitere kritische Fälle deuten darauf hin, dass die internen Kontrollmechanismen des USZ versagt haben – oder bewusst zu locker gehandhabt wurden.

Wer kontrolliert eigentlich die Qualität medizinischer Eingriffe an einem der wichtigsten Spitäler des Landes? Wer schaut hin, wenn Warnsignale auftauchen? Und warum braucht es offenbar erst einen Skandal, damit eine Klinik ihre eigenen Fälle unter die Lupe nimmt?

Patienten als Kollateralschaden?

Hinter jedem dieser „kritischen Fälle“ stehen echte Menschen: Patientinnen und Patienten, die dem USZ vertraut haben. Die davon ausgingen, dass sie an einem Universitätsspital Spitzenmedizin erhalten – und nicht Teil eines Systems werden, in dem erst nachträglich geprüft wird, ob alles korrekt gelaufen ist.

Das Vertrauen in die Schweizer Medizin ist hoch, zu Recht. Doch gerade deshalb muss die Öffentlichkeit jetzt erwarten dürfen, dass das USZ nicht nur reagiert, sondern lückenlos aufklärt: Wer wusste was? Wann wurden Hinweise ignoriert? Und welche Konsequenzen ziehen Spitalleitung und Aufsichtsbehörden?

Transparenz ist jetzt Pflicht

Das USZ steht in der Verantwortung, nicht nur intern aufzuräumen, sondern die Öffentlichkeit vollständig zu informieren. Zehn weitere Fälle sind keine Randnotiz – sie sind ein Alarmzeichen. Wer jetzt auf Schweigen, Vertuschung oder vage Kommuniqués setzt, riskiert nicht nur seinen Ruf, sondern die Glaubwürdigkeit der gesamten Institution.

Die Schweizer Bevölkerung hat ein Recht darauf zu wissen, ob sie ihren Universitätsspitälern noch vertrauen kann. Und das USZ hat die Pflicht, dieses Vertrauen nicht mit Floskeln zu retten – sondern mit schonungsloser Aufklärung und echten Reformen.

Die Affäre um Francesco Maisano – Eine Chronologie

2014

1 Francesco Maisano wird überhastet und trotz fehlender akademischer Qualifikationen sowie ohne Erfahrung in der Führung einer Herzklinik zum Leiter der Klinik für Herzchirurgie am USZ und zum Ordinarius an der Universität Zürich ernannt. Seine zahlreichen Interessenbindungen und Nebenbeschäftigungen wurden nicht vollständig überprüft.

2016–2020: Die problematische Amtszeit

2 In den Jahren 2016 bis 2020 starben zu viele Patientinnen und Patienten, Implantate wurden teils falsch oder unnötig eingesetzt, und Warnsignale wurden intern zu spät ernst genommen. 3 Auf Basis von 4’500 Operationen ergab sich eine statistisch ausgewiesene Übermortalität von 68 bis 74 Todesfällen. 4 In 13 Fällen kam ein Medizinprodukt unangemessen zum Einsatz, insbesondere das von Maisano mitentwickelte Cardioband.

2019: Der Whistleblower

5 André Plass meldete 2019 der Spitalleitung, dass bei Maisanos Team Komplikationen, mögliche Vertuschungen und problematische Eingriffe nicht sauber aufgearbeitet würden. Damit wurde er zum Whistleblower des Falls. 6 Gleichzeitig geriet er selbst unter Druck und wurde vom USZ entlassen.

Mai 2020: Maisanos Abgang

7 Am 1. Juli 2020 wurde Prof. Dr. Paul Vogt als interimistischer Nachfolger von Francesco Maisano eingesetzt, zusammen mit seinem Stellvertreter Prof. Dr. Thierry Carrel.

2021: Maisano kehrt nach Italien zurück

8 Francesco Maisano verliess das Universitätsspital Zürich 2021 und kehrte nach Mailand zurück, wo er auch heute noch als Herzchirurg arbeitet. 9 Die Kanzlei Walder Wyss untersuchte die Vorkommnisse an der Herzklinik im Auftrag des USZ. Ihr Schlussbericht erschien im März 2021. 10 Er stellte Interessenkonflikte fest und hielt fest, dass Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften geschönt worden seien. Zugleich sah der Bericht keine Hinweise auf mangelnde medizinische Leistung.

2024: Vertiefung der Untersuchung

11 Die Medien berichteten weiterhin über Missstände. Der Nachfolger von Maisano, Paul Vogt, kritisierte öffentlich eine zu hohe Mortalität unter seinem Vorgänger. Deshalb setzte das USZ im Jahr 2024 eine Taskforce ein, um die Vorwürfe vertieft zu untersuchen.

Mai 2026: Der vernichtende Taskforce-Bericht

12 Der 216 Seiten starke Bericht beschreibt erstmals in allen Details die verheerende Bilanz der Ära Maisano.

Die zentralen Vorwürfe:

  • 13 75 chirurgisch problematische Eingriffe, 64 «eher nicht zu erwartende» Todesfälle und 11 «nicht zu erwartende» Todesfälle
  • 14 Beim überprüften Einsatz von innovativen Medizinprodukten (insbesondere Cardiobänder) wurde in 13 Fällen der Einsatz als unangemessen beurteilt.
  • 15 Die Taskforce kam zum Schluss, dass die Probleme medizinisch, organisatorisch und moralisch schwerwiegend waren und ein Führungs- und Systemversagen vorlag.

Reaktionen:

  • 16 Diese Vorfälle – die besonders auffälligen Todesfälle sowie der unangemessene Einsatz des Cardiobands – hat das USZ der Staatsanwaltschaft gemeldet. Die Ermittler sollen prüfen, ob strafrechtlich relevante Verfehlungen vorliegen.
  • 17 Die drei Mitglieder des Spitalrats, die schon zur Zeit von Maisano im Amt waren, haben ihre Mandate per sofort niedergelegt.
  • 18 André Zemp, Präsident des Spitalrats, und die CEO Monika Jänicke zeigten sich bei der Präsentation des Untersuchungsberichts schockiert von den Vorkommnissen und baten die Betroffenen und Angehörigen um Entschuldigung.

Mai 2026: Die Affäre weitet sich aus

19 Das USZ bestätigte erstmals zusätzliche «kritische Interessenbindungen» sowie zehn neue interne Fälle, in denen das Spital intervenieren musste. 20 Der Herzchirurgie-Skandal zieht in Italien Kreise. Das Mailänder Spital San Raffaele hat ein internes Audit eingeleitet. 21 Maisano bricht sein Schweigen im ersten Interview seit Bekanntwerden der Affäre und weist gegenüber der «NZZ am Sonntag» sämtliche Vorwürfe entschieden zurück. 22 Die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft erklärte, dass in drei Fällen im März 2026 wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung, fahrlässige (schwere) Körperverletzung sowie Urkundenfälschung Anzeigen eingereicht worden seien.