Man nennt es Sterbe-Fasten. Es ist Verhungern.

Man nennt es Sterbe-Fasten. Es ist Verhungern.

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Man nennt es Sterbe-Fasten. Es ist Verhungern.
Man nennt es Sterbe-Fasten. Es ist Verhungern.


Die NZZ berichtet diese Woche über einen 91-jährigen Architekten aus Zürich, der aufhörte zu essen und zu trinken, bis er tot war. Seine Frau sagt: «Sterbefasten ist nicht sanft und nicht schön. Es ist hart.» Der Bericht beschönigt nichts – und zeigt gerade deshalb, wohin Europa nach dem Abschied vom Christentum steuert: in eine Wende zur Selbstvernichtung, sprachlich verbrämt und kulturell längst geplant.

Ein Tod, wie er nicht wollte

Der Mann war 91, herzkrank, die Beine voller offener Wunden, ein «Suppenkasper» am Ende. Er beschloss, mit dem Essen und Trinken aufzuhören. Eine Woche nach seiner letzten Mahlzeit starb er umgeben von seinen Büchern, an einem frühen Samstagmorgen. Seine Frau, eine Lehrerin, erzählt: «Es war so viel los, es ging so schnell, dass ich mich nie richtig von ihm verabschieden konnte. Wir hatten kaum einen Moment nur zu zweit.» (NZZ)

Die Pflegefachfrau Corinne Irniger von der palliativ spezialisierten Spitex Palliaviva kennt dieses Sterben aus der täglichen Arbeit: «Bei sehr vielen Menschen, die ich begleite, ist Sterbefasten irgendwann ein Thema. Es gilt als sanfter, entspannter Tod. Aber das ist es nicht.» Die ersten Tage präge ein beissendes, schmerzhaftes Sehnen nach Wasser; dann beginne ein Dämmerzustand, der Tage bis Wochen dauern kann. Ihr Patient war in jenen Tagen unruhig, aggressiv, riss ständig an den Bandagen seiner Beine. Eine junge Patientin mit multipler Sklerose brach den Prozess ab, weil der Durst zu stark wurde – und ging später mit Exit aus dem Leben. Eine ältere Frau mit Demenz wählte das Verhungern, weil für einen assistierten Suizid es «wegen der Demenz zu spät» war: «Entweder sie geht jetzt, oder sie stirbt danach über viele Jahre einen langsamen Tod.»

Das ist die Realität hinter dem schönen Wort: kein sanfter Übergang, sondern ein horizontloser Kuriertext – Quellen zumachen, Schmerzen, Dämmerzustand, Aussortierung derer, die für den geregelten Suizid nicht mehr qualifizieren. In der Schweiz sterben laut einer Umfrage unter Hausärzten rund 4000 Menschen jedes Jahr auf diese Weise; drei Viertel der Fälle geschehen laut dem ZHAW-Forscher André Fringer ohne Planung, auf eigene Faust. «Er ist gestorben, wie er wollte», sagt die Ehefrau. Vielleicht. Aber er starb auch, wie niemand will: ohne Abschied, ohne Gebet, ohne Sinn.

Das gestohlene Wort

Man beachte, was dieser Bericht nicht tut, was aber das Umfeld längst tut: das Verhungern verschönern. Der Begriff «Sterbefasten» ist selbst der erste Betrug. Fasten ist eine religiöse Kategorie – befristet, geöffnet auf Buße, Klärung, Gott; ein Verzicht, um zu leben. Was hier geschieht, ist das Gegenteil: ein Verzicht, um zu enden, ohne religiöse Fundamente, ohne Jenseits, ohne Offenheit. Es ist ein Blödsinn – oder schlimmer: eine Verhöhnung –, «Fasten» zu nennen, was nicht religiös fundiert ist. Der ehrliche Begriff lautet: sich verhungern lassen. Wenn selbst das Vokabular des Glaubens ausgebeutet wird, um sein eigenes Ende zu benennen, dann ist die Entchristianisierung schon so weit fortgeschritten, dass nur noch ihre Reste als Ästhetik dienen.

Der Tod als Ende – rechtlich besiegelt

Warum ist das möglich geworden? Weil der Tod nicht mehr als Übergang zum neuen Leben verstanden wird, sondern als Ende. Das Bundesverfassungsgericht hat 2020 das Recht auf selbstbestimmtes Sterben, eingeschlossen die Freiheit, sich das Leben zu nehmen, aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht abgeleitet – ausdrücklich unabhängig von jeder religiösen oder weltanschaulichen Deutung (BVerfG, Urteil vom 26. Februar 2020). Der Staat hat sich für neutral erklärt – und damit der Kultur den Boden entzogen, auf dem Sterben je Sinn hatte. Das neue Ritual des Sterbefastens liest sich denn auch wie eine liturgische Parodie in umgekehrter Richtung: Patientenverfügung statt Sakrament, 24-Stunden-Palliativbetreuung statt Sterbegebet, Betreuungsplan statt Seelenmesse. Die ars moriendi des Abendlandes –community, Gebet, Vergebung, Abschied – ist ersetzt worden durch Logistik.

Fegefeuer ohne Gebet, Gräber ohne Erinnerung

Dieselbe Entwurzelung zeigt sich an den Rändern. Das Gebet für die Erlösung der Verstorbenen aus dem Fegefeuer ist aus den Kirchen verklungen; Gräber werden nach Ablauf der Ruhefrist aufgehoben, eingeebnet, ausgerottet – Erinnerung als Kostenfaktor. Die Gemeinschaft der Lebenden mit den Toten, die das Christentum über zwei Jahrtausende getragen hat, löst sich auf. Was dann einzieht, kennt die Welt bereits: eine Kultur des Nihilismus, in der der Tod nichts mehr bedeutet – und deshalb auch das Leben nach seinem Ende nichts mehr sein soll. Der Zürcher Bericht zeigt die Kehrseite dieser Sinnleere am Allernächsten: Selbst die Ehefrau konnte sich nicht verabschieden, weil das Sterben zum koordinierten Einsatzfall geworden war.

Was die Kirchen noch sagen – und Europa nicht mehr hört

Die christlichen Kirchen haben sich nicht geschwiegen. Die EKD stellte ihre Stellungnahme 2023 unter den Leitsatz «Gott ist ein Freund des Lebens» und warnt, dass sich das Leben zu nehmen oder anderen dabei zu helfen «nicht zur gesellschaftlichen Normalität» werden dürfe; der Rat der EKD fordert ein umfassendes Verbot der organisierten Suizidbeihilfe, kommerziell oder nicht (EKD, Sonntagsblatt). Der Vatikan bekräftigte 2020 im Schreiben «Samaritanus Bonus» die «absolute Ablehnung jeglicher Form von Euthanasie und Sterbehilfe» – Papst Franziskus bestätigte diese Haltung 2024 noch einmal ausdrücklich und ruft zum Schutz des Lebens «von der Zeugung bis zum natürlichen Tod» auf (Vatican News, katholisch.de). Katholische Ethiker warnen seit Jahren davor, den Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit als «natürliche Todesart» zu propagieren (katholisch.at). Aber diese Stimmen verhallen in einer Gesellschaft, die sich von ihren Wurzeln verabschiedet hat.

Schlusswort

Man muss den Einzelnen nicht verurteilen – sein Leiden war real, sein Wille frei, das Recht kennt keine Pflicht zum Weiterleben. Aber man muss die Kultur benennen, die daraus macht, was sie macht: eine Norm des Ausstiegs, eine Dienstleistung der Sinnleere, eine Sprache, die das Verhungern «Fasten» nennt. Die NZZ-Recherche zeigt es ehrlicher als jede Broschüre: Es ist hart, es ist nicht schön, und es lässt keinen Raum für das, was Sterben im Christentum war – ein Übergang, von den Lebenden begleitet und von Gott vollendet. Eine Welt ohne diese Hoffnung hungert sich nicht nur selbst zu Tode. Sie hungert sich selbst aus dem Gedächtnis.


Quellen: NZZ-Bericht vom 27. Oktober 2026 (Foto: Gaëtan Bally, Ausstellung «Palliative Care – Bilder einer Realität»); BVerfG-Urteil 2020; EKD zur Sterbebegleitung; Vatikan, «Samaritanus Bonus» 2020; Vatican News 2024.