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Wer beraubt die Katholische Kirche?

Man muss kein Mar­xist sein, um zu erken­nen, dass es in jeder Gesell­schaft Grup­pen bzw. Klas­sen gibt, die ihre öko­no­mi­sche Posi­tion absi­chern wol­len, indem sie eine bestimmte Ideo­lo­gie propagieren.

Auch wenn dieser Zusammenhang zwischen der eigenen wirtschaftlichen Stellung und den Ideen, die man vertritt, nicht so absolut ist, wie es der «wissenschaftliche Sozialismus» postulierte, ist die Meinung, dass unsere Gedanken und unsere Einstellung zu gewissen Fragen ganz unabhängig vom ökonomischen Unterbau gebildet werden, sehr naiv. Man bedarf schon eines sehr festen und selbstkritischen Charakters, zumeist gestärkt durch den Glauben an eine die Materie überwindende Transzendenz, um den Anspruch zu erfüllen, objektiv und unabhängig von eigenen Interessen urteilen zu können.

Monetäre Anreize
Wenn wir die kirchenpolitischen Diskussionen unserer Zeit betrachten und feststellen müssen, dass längst nicht alle Akteurinnen und Akteure über einen solchen Charakter verfügen, wird nachvollziehbar, weshalb gewisse Positionen eingenommen werden. Die Tatsache beispielsweise, dass die Frauenordination in den deutschsprachigen Ländern, in denen Seelsorgerinnen und Seelsorger durch Kirchensteuergelder besonders gut entlöhnt werden, am vehementesten gefordert wird, ist daher nicht allein dem Umstand geschuldet, dass die deutschen, schweizerischen und österreichischen Katholikinnen so viel selbstbewusster sind als ihre französischen, italienischen und polnischen Mitchristinnen, sondern nicht zuletzt den monetären Anreizen, die das Priestertum in den deutschsprachigen Ländern der Frau bietet. Aus den gleichen Gründen drängt ein verheirateter Franzose, Italiener oder Pole nicht so stark darauf, gleichzeitig Pfarrer und Ehemann zu sein, währenddem der Pflichtzölibat in unseren Breitengraden heftig kritisiert wird.

Wenig überzeugende Kampagne
Wenn wir nun weitere kirchliche Entwicklungen unter dem Blickwinkel der ökonomischen Interessen betrachten, finden wir dafür Gründe, die sich einer rein pastoralen Betrachtung nicht erschliessen würde. Beispielsweise ist es rein pastoral betrachtet seltsam, dass die immer kleiner werdende Zahl aktiver Gläubiger zu keiner adäquaten Reaktion bei den Kantonalkirchen führt. In der Wirtschaft würde eine kleinere Nachfrage zu Anstrengungen der Unternehmen führen, die Zahl der Mitglieder zu vergrössern oder zumindest nicht weiter einbrechen zu lassen. Bei den Kantonalkirchen ist nichts davon zu spüren, weder bei den Katholiken noch bei den Protestanten. Katholische Kantonalkirchen wie diejenigen von Aargau, Luzern und St. Gallen gehen sogar offen dazu über, ihre Steuerzahler nicht mehr durch den Glauben an den Auferstandenen an sich binden zu wollen, sondern mit der Kampagne «Kirchensteuer sei Dank» auf den Mehrwert der durch die Kirchensteuern alimentierten Projekte hinzuweisen. Die weiterhin hohen Austrittsraten in diesen Kantonen legen aber nahe, dass diese Strategie nur sehr wenige Menschen überzeugt. Ein Kulturkatholizismus, bei dem Menschen die Kirchensteuern bezahlen, ohne selbst einen Bezug zum Glauben zu haben, ist langfristig dem Tode geweiht.

Neu ausgewiesener Reichtum
Ökonomisch macht diese durch die Kantonalkirchen propagierte Taktik jedoch durchaus Sinn. In den Bilanzen der Kirchgemeinden sind sehr viele Kirchen, Pfarrhäuser sowie Pfarreiräume als Verwaltungsvermögen aufgeführt. Da dieses abgeschrieben wird, tauchen all diese Vermögenswerte mit sehr kleinen Summen in der Buchhaltung auf. Werden diese Vermögenswerte aufgrund mangelnder Nutzung vom Verwaltungsvermögen hin ins Finanzvermögen verschoben, sieht die Sachlage völlig anders aus. Ein Pfarrhaus, das vielleicht nur noch mit einem Pro-Memoria-Franken aufgelistet ist, wird als Finanzvermögen bei den momentan hohen Immobilienpreisen zu einem millionenschweren Aktivwert. Die Möglichkeiten, sich selbst oder Nahestehende an diesen frei gewordenen Vermögenswerten zu bereichern, sind vielfältig. Und auch wenn man den Verantwortungsträgerinnen und -träger keine bösen Absichten unterstellt, ist es offensichtlich, dass der neu ausgewiesene Reichtum der Kirche eine Machtfülle mit sich bringt, die sie vor dieser buchhalterischen Neudefinition nicht hatte.

Geldvermehrung statt Neuevangelisierung
Es besteht ein grosser Unterschied, ob die ehrenamtlichen Verantwortungsträger in den Kirchgemeinden vor allem dafür sorgen müssen, dass die Liegenschaften für die Seelsorge nutzbar sind oder ob sie zu Immobilienhändlern mutieren. Man rechtfertigt solche Verschiebungen mit der mangelnden pastoralen Nutzung der Gebäude. Vor allem wenn das Bistum Kirchen profaniert, werden im Zuge der Profanierung auch Pfarreiräumlichkeiten und Pfarrhäuser nicht mehr als Verwaltungsvermögen betrachtet. Wenn Kantonalkirche und Bistum gemeinsam zur Auffassung gelangen, dass die Kirche nur eine Überlebenschance hat, wenn sie primär das eigene, monetäre und nicht mehr das seelische Heil ihrer Gläubigen sucht, sind den Missbrauchsmöglichkeiten keine Schranken mehr gesetzt. Weder der eine noch der andere Lungenflügel der Kirche wird dann noch bestrebt sein, eine Neuevangelisierung an die Hand zu nehmen. Umso weniger aktive Nutzung der Gebäude durch die Gläubigen, desto besser. In Basel-Stadt findet zurzeit ein Programm statt, das den sperrigen Namen «Planung Reduktion Immobilien im Verwaltungsvermögen für die kommenden 10 Jahre» trägt. Der Kirchenrat wird mithilfe des zuständigen Bischofsvikars, Dr. Valentine Koledoye, Schritt für Schritt viele Pfarreiräumlichkeiten ins Finanzvermögen transferieren. Der gleiche Bischofsvikar ist neben Basel-Stadt zuständig für Basel-Land und den Aargau, allesamt Kantone, in denen das kirchliche Leben über weite Strecken zum Erliegen gekommen ist; in keinem Kanton der Schweiz sind die Austrittsraten so hoch wie in diesen Kantonen. Versuche, diese Entwicklung zu stoppen, indem das sakramentale Leben gestärkt wird, bleiben vollständig aus – ganz im Gegenteil wird die Anzahl Eucharistiefeiern und das Angebot an weiteren Sakramenten weiter reduziert.
Wer profitiert vom Niedergang der Kirche? Es ist an der Zeit, sich diese Frage zu stellen, indem auch die materiellen Interessen hinter dieser Entwicklung offengelegt werden.

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