Wenn die Bindung an die christliche Tradition schwindet
Am Pfingstsonntag um 11 Uhr markiert ein letzter Gottesdienst in der Roten Kapelle des Lassalle-Hauses das Ende der Jesuiten-Kommunität in Bad Schönbrunn. Während dieser Schritt oft mit personellen Engpässen begründet wird, rückt eine tieferliegende Frage in den Fokus: War die schleichende Abkehr von der klassischen christlichen Tradition mitverantwortlich für den Identitätsverlust des Hauses?
Christliches Erbe oder spirituelle Beliebigkeit?
Das Lassalle-Haus war über Jahrzehnte ein bedeutender Ort für Exerzitien. Doch in den letzten Jahren wandelte sich das Profil massiv. Christliche Meditationspraxis wurde zunehmend mit Zen-Buddhismus, Yoga und schamanischen Elementen verknüpft. Was die Leitung des Hauses als „Weite“ und „interreligiöse Öffnung“ verstand, wird von Verteidigern der kirchlichen Tradition als Preisgabe des eigenen Kerns kritisiert.
Aus der Perspektive einer konsequent christlichen Theologie sind Gebet und Meditation keine inhaltsleeren Techniken. Sie sind eingebettet in die Beziehung zu Jesus Christus, in die Heilige Schrift und die sakramentale Ordnung der Kirche. Wo diese Verankerung zugunsten einer universalen, diffusen Spiritualität aufgegeben wird, verliert das Christliche seine prägende Kraft. Die Kritik lautet: Wer die Tradition verwirft und alles mit allem vermischt, hat am Ende kein Fundament mehr, auf dem er stehen kann.
Die Gefahr des Synkretismus
Theologisch wird hier die Grenze zum Synkretismus – der unkritischen Vermischung von Religionen – thematisiert. Eine christliche Spiritualität, die sich so sehr an buddhistische oder schamanische Praktiken angleicht, dass das Kreuz und das Evangelium nur noch eine von vielen Deutungsmöglichkeiten sind, verliert ihre Mitte.
Die christliche Tradition lehrt die „Unterscheidung der Geister“. Das bedeutet zwar Offenheit für das Gute in anderen Kulturen, aber nicht die Preisgabe des eigenen Bekenntnisses. Wenn christliche Häuser beginnen, schamanische Rituale oder Zen-Praktiken als gleichwertige Heilswege anzubieten, riskieren sie eine theologische Orientierungslosigkeit. Das Ergebnis ist oft eine geistliche Entleerung: Die ursprüngliche Klientel, die Vertiefung im Glauben sucht, fühlt sich fremd, während das neue, spirituell wandernde Publikum keine dauerhafte Bindung aufbaut.
Ein Warnsignal für kirchliche Institutionen
Die Schließung des Lassalle-Hauses steht somit symbolisch für eine größere Krise kirchlicher Bildungshäuser. Es zeigt sich: Die Anpassung an den spirituellen Zeitgeist führt nicht zwangsläufig zu neuer Blüte. Im Gegenteil: Wer sein Profil zugunsten einer vagen „All-Spiritualität“ opfert, wird austauschbar.
Die Bindung an die Tradition ist kein starres Festhalten an der Vergangenheit, sondern die Sicherung der eigenen Zukunftsfähigkeit. Nur wer weiß, woher er kommt und woran er glaubt, kann anderen Menschen Orientierung bieten. Wenn in Bad Schönbrunn nun „die Lichter ausgehen“, ist das auch eine Einladung zur Selbstbesinnung für andere Einrichtungen: Wahre Erneuerung geschieht nicht durch die Flucht in fremde Traditionen, sondern durch die Rückbesinnung auf die unerschöpfliche Tiefe der eigenen, christlichen Quellen.
Am Pfingstsonntag endet in Bad Schönbrunn ein Experiment. Die Frage, die bleibt, ist, wie die Kirche ihre Räume der Stille künftig gestalten will – als Orte der christlichen Gottesbegegnung oder als Schauplätze einer Identität, die sich in der Vielfalt der Angebote selbst verloren hat.


