Sarah Gigandet im Bistum Basel: Wenn Reform zur stillen Lehrrevolution wird
Wenn im Bistum Basel von der „weiteren Feminisierung der Kirche“ die Rede ist, sollte niemand so tun, als handle es sich bloss um ein harmloses akademisches Schlagwort. Hier geht es nicht um ein bisschen mehr weibliche Sichtbarkeit beim Pfarreikaffee. Hier geht es um Macht, Ämter, Deutungshoheit – und letztlich um die Frage, ob die katholische Lehre noch Massstab ist oder nur noch Verhandlungsmasse.
Im Zentrum steht Sarah Gigandet: promovierte Theologin, bischöfliche Mitarbeiterin, bestens vernetzt, präsent im kirchlichen Reformmilieu. Ihre Berufung ins Umfeld von Bischof Felix Gmür ist mehr als eine Personalie. Sie ist ein Signal. Und dieses Signal lautet: In Basel wird die kirchliche Ordnung nicht frontal angegriffen – sie wird schrittweise umgebaut.
Der Basler Reformkurs: Rom im Rücken, Zeitgeist im Blick
Bischof Felix Gmür gilt längst nicht mehr als Mann der klaren römischen Linie. Er spricht über den Frauendiakonat, stellt das Zölibat zur Diskussion und zeigt Sympathie für Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare. Man kann das modern, offen und dialogbereit nennen. Man kann es aber auch nüchterner sagen: Hier wird katholische Lehre systematisch weichgespült.
Konservative Katholiken erkennen darin keinen „pastoralen Aufbruch“, sondern einen schleichenden Lehrabbruch. Denn was heute als Gesprächsangebot verkauft wird, ist morgen oft schon pastorale Praxis – und übermorgen angeblich nicht mehr rückgängig zu machen.
Genau so funktionieren kirchliche Verschiebungen: nicht mit einem lauten Bruch, sondern mit Begriffen wie „Dialog“, „Begleitung“, „Weiterentwicklung“ und „Zeichen der Zeit“. Am Ende steht eine Kirche, die zwar noch katholisch heisst, aber sich immer häufiger am Applaus des Zeitgeistes orientiert.
Frauenfrage als Hebel gegen die sakramentale Ordnung
Besonders heikel ist die Frage nach Frauen im Weiheamt. Papst Johannes Paul II. hat 1994 in Ordinatio sacerdotalis unmissverständlich erklärt, dass die Kirche keine Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden. Für Katholiken, die das Lehramt ernst nehmen, ist damit nicht „Diskussionsbedarf“, sondern Klarheit geschaffen.
Doch genau diese Klarheit scheint manchen Reformkreisen unerträglich zu sein. Statt offen zu sagen, dass man Rom widerspricht, spricht man lieber von „Prozessen“, „Entwicklung“ und „Partizipation“. Der Frauendiakonat wird dann zum Türöffner, die „Feminisierung“ zur Strategie und die Berufung einflussreicher Theologinnen zur kirchenpolitischen Weichenstellung.
Man muss nicht gegen Frauen in Verantwortung sein, um zu erkennen: Wenn unter dem Etikett der Frauenförderung die sakramentale Struktur der Kirche ausgehöhlt wird, dann geht es nicht mehr um Gerechtigkeit. Dann geht es um Revolution im Gewand der Pastoral.
Sarah Gigandet: Symbolfigur eines neuen Kirchenapparats
Sarah Gigandet ist zweifellos qualifiziert. Das ist nicht der Punkt. Niemand muss ihre akademische Ausbildung kleinreden, um ihre Rolle kritisch zu sehen.
Gerade weil sie kompetent, promoviert und kirchlich gut platziert ist, wird ihre Personalie brisant. Sie steht für eine neue Generation kirchlicher Funktionsträgerinnen, die nicht mehr einfach mitarbeiten, sondern mitgestalten wollen – theologisch, strukturell und machtpolitisch.
Für konservative Katholiken wirkt das wie ein Trojanisches Pferd: Unter dem Banner von Gleichberechtigung und Modernisierung zieht eine Theologie in die Kurie ein, die mit der überlieferten Lehre bestenfalls noch selektiv umgeht. Man spricht die Sprache der Kirche, übernimmt ihre Strukturen – und verschiebt von innen heraus ihre Inhalte.
Seilschaften? Der Verdacht liegt in der Luft
Natürlich: Den harten Vorwurf des Nepotismus im engeren Sinn muss man vorsichtig verwenden. Es gibt bislang keinen belastbaren Beleg dafür, dass Sarah Gigandet aufgrund persönlicher Begünstigung und gegen jede fachliche Eignung berufen wurde.
Aber das eigentliche Problem ist subtiler. Es geht nicht um klassische Vetternwirtschaft. Es geht um ein kirchenpolitisches Milieu, in dem bestimmte Stimmen gefördert und andere konsequent marginalisiert werden.
Wer die Reformagenda teilt, bekommt Plattformen, Stellen, Einfluss. Wer an der traditionellen Lehre festhält, gilt schnell als rückständig, blockierend oder pastoral unsensibel. Das ist vielleicht kein Nepotismus im juristischen Sinn – aber es riecht nach ideologischer Binnenförderung.
Und genau diese Form der Seilschaft ist in der Kirche besonders gefährlich. Denn sie wird nicht als Machtpolitik deklariert, sondern als „Erneuerung“ verkauft.
Die konservative Mitte wird an den Rand gedrängt
Die eigentliche Tragik liegt darin, dass viele gläubige Katholiken längst den Eindruck haben, in ihrer eigenen Kirche nur noch geduldet zu sein. Wer den Katechismus ernst nimmt, gilt als Problem. Wer Rom verteidigt, wird als Bremser betrachtet. Wer auf die sakramentale Ordnung verweist, steht unter Fundamentalismusverdacht.
Währenddessen dürfen Reformtheologen unablässig „weiterdenken“, „öffnen“, „hinterfragen“ und „neu deuten“. Die Grenze zwischen legitimer theologischer Reflexion und offenem Ungehorsam wird dabei immer dünner.
Im Bistum Basel scheint man diese Spannung nicht zu entschärfen, sondern bewusst zu befeuern. Personalpolitik wird hier zur theologischen Botschaft. Und die Botschaft lautet: Die Zukunft gehört den Reformern.
Die grosse Frage: Noch katholisch oder schon kirchenpolitisches Labor?
Natürlich kann man sagen: Die Kirche muss sich ändern, sonst verliert sie den Anschluss. Aber diese Formel ist gefährlich. Denn wenn Anpassung zum obersten Prinzip wird, bleibt von katholischer Identität irgendwann nur noch die Fassade.
Eine Kirche, die sich ständig nach gesellschaftlichen Erwartungen richtet, wird nicht glaubwürdiger. Sie wird austauschbarer. Warum sollte jemand einer Kirche zuhören, die am Ende doch nur wiederholt, was die säkulare Öffentlichkeit ohnehin fordert?
Der Auftrag der Kirche ist nicht, dem Zeitgeist hinterherzulaufen. Ihr Auftrag ist es, die Wahrheit zu verkünden – gelegen oder ungelegen. Gerade darin liegt ihre Würde. Gerade darin liegt ihre Kraft.
Fazit: Basel wird zum Testfall für den innerkirchlichen Kulturkampf
Die Personalie Sarah Gigandet ist deshalb mehr als eine Personalentscheidung. Sie steht exemplarisch für den Kurs des Bistums Basel unter Felix Gmür: reformorientiert, romkritisch, strukturverändernd – und aus konservativer Sicht hochproblematisch.
Man kann diese Entwicklung begrüssen. Dann soll man aber ehrlich sagen, dass es um einen tiefgreifenden Umbau katholischer Lehre und Praxis geht.
Oder man kann sie kritisieren. Dann muss man klar benennen, was hier geschieht: Unter dem freundlichen Wort „Feminisierung“ läuft ein Machtkampf um die Zukunft der Kirche.
Ist Basel noch ein Bistum im Dienst der katholischen Tradition – oder längst ein kirchenpolitisches Versuchslabor für Reformprojekte, die Rom nur noch als störende Kulisse betrachten?
Diese Frage muss gestellt werden. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.